Von Dietrich Strothmann

Berlin, im August

Nachträglich betrachtet, so scheint es, glich die Kontroverse zwischen der Genfer Zentrale des Weltkirchenrats (ÖRK) und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) um das Antirassismus-Programm eher einem Sturm im Wasserglas: künstlich, unnötig, kraftraubend. Denn weder hatten sich die westdeutschen Landeskirchen – mit Ausnahme von Hessen-Nassau und dem Rheinland – aktiv an dem seit 1969 bestehenden Kampfprogramm wider rassischer Unterdrückung beteiligt. Noch aber werden es ihre Vertreter bei der nächsten ÖRK-Vollversammlung wagen, gegen den Kompromiß zu stimmen, den jetzt der Zentralausschuß der Ökumene in Berlin gefunden hat. Mit Worten werden die Kirchen, wie gehabt, dafür sein! Mit Taten freilich, Geldzuweisungen in den Sonderfonds, werden sie sich weiterhin zurückhalten.

Aber stimmt das denn: Daß der intensive Austausch gegensätzlicher Auffassungen zwischen Genf und der EKD zu den Themen "Rassismuskampf" und "Sonderfonds" nichts anderes war als ein Stück Kirchentheater, ein überflüssiger Wortwechsel? Schließlich mußte der Genfer Resolutionsentwurf zur Verlängerung der Programm-Laufzeit und der Sonderfonds-Aufstockung auf 750 000 Mark jährlich der deutschen Einwände wegen abgeändert werden. Nun ist – und das bedeutet gewiß einen Fortschritt – nicht mehr ausschließlich vom "weißen Rassismus" die Rede; auch andere Formen der Hilfe, die Unterstützung anderer Gruppen und anderer Widerstandsmethoden werden empfohlen. Das, was an dem Genfer Vorschlagstext als "Ideologisierung" gerügt worden war, ist nach den Berliner Beratungen eliminiert worden. Ein Erfolg also der EKD-Fronde gegen die Genfer Progressisten?

In der Sache selber, um die es ging, kämpften die finanzstarken Protestanten eher auf dem falschen Kampfplatz. Denn einmal zielte ihre Kritik. daneben, mit der unkontrollierten Zahlung aus dem Sonderfonds auch an Guerillagruppen im südlichen Afrika könnten Waffenkäufe nicht ausgeschlossen werden. Mit insgesamt 500 000 Mark pro Jahr, dem Gegenwert von zwei normalen Eigentumswohnungen, noch dazu aufgeteilt auf 29 Organisationen (höchster Einzelbetrag: 20 000 Mark), lassen sich keine Waffengeschäfte machen. Zum anderen begrenzt eine genaue Vorprüfung der Geldempfänger jeden Mißbrauch, ergaben zudem Nachprüfungen die Geldverwendungen für ausschließlich humanitäre Zwecke. In diesen Punkten waren die Einwürfe der protestierenden Protestanten also gegenstandslos.

In der Hauptsache freilich – dem latenten Argwohn der EKD, der "eigenmächtigen" Genfer Weltkirchenrats-Zentrale gegenüber und der anhaltenden Diskussion über die Grundsatzfrage, wie politisch die Kirche sein dürfe – klärte der Disput um das Antirassismus-Programm die Fronten. Wo wer aus welchen Gründen steht, ist nun, wie nach einem reinigenden Gewitter, deutlich geworden. Unwichtig ist, daß es sich bei dem Sonderfonds nur um einen symbolischen Akt der Solidarität der Freien und Reichen für die Unfreien und Armen handelt; nebensächlich ist gleichfalls die Tatsache, daß Genf seinen Thesenanschlag den Mitgliedskirchen zum erstenmal vor einer Zentralausschuß-Sitzung zur Debatte stellte. Was zählt, ist vor allem die eine Erfahrung: Es gibt eine Kluft zwischen Gläubigen und Gläubigen, einen Graben zwischen Kirchen und Kirchen.

Dabei wird von niemandem bestritten, daß Rassismus Sünde sei. Dagegen haben auch die Lutheraner, sonst die schärfsten Widersacher des Genfer Kurses einer weltoffenen Kirche, nichts einzuwenden. Umstritten ist dafür um so mehr die Frage, mit welchen Mitteln welcher Rassismus zu bekämpfen sei: Nur mit der Bibel oder auch mit dem Gewehr? Nur die Unterdrückung in Südafrika oder auch die in der Sowjetunion? Nur der "weiße Rassismus" in Rhodesien oder auch der "schwarze Rassismus" in Uganda? Ungewollt hat der Genfer Rigorismus, die radikale Einseitigkeit des Programmentwurfs diesen grundsätzlichen Gegensatz zwischen dem deutschen Protestantismus, vor allem dem lutheranisch geprägten, und der Weltkirchenrats-Verwaltung an den Tag gebracht. Die Positionen haben Profil gewonnen.