So vertritt der württembergische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Helmut Claß aus Sorge vor einer wachsenden Radikalisierung und Polarisierung in der deutschen Kirche die Meinung, die durch Christus verkündete Freiheit gebe es auch im Stadium der Unfreiheit; er warnt vor einem politischen Kampf um die Freiheit, der Gottes Liebe "verdunkeln" könne. Er tadelte, indem er sich darauf berief, daß die Bibel jegliche Gewalt verbiete, die Genfer Rassismusthesen als ein "einseitiges Kampfprogramm", das ein "Testfall für die Tragfähigkeit der ökumenischen Gemeinschaft" sei und sogar zu einem "Schisma" führen könne. Dahinter verbirgt sich die Furcht vor einem politischen Aktionismus und vor einer Vernachlässigung der Theologie. Um theologische Fragen kümmern sich seit Jahren Spezialkommissionen des Weltkirchenrates. Bei dem, nach Umfang und Aufwand kleinen Programm zur Rassismus-Bekämpfung geht es um praktische Nothilfe, nicht um theologisch abgesicherte Missionierung.

Theologisch-theoretischer noch als Claß und der EKD-Rat in seiner Antwort auf das Genfer Papier ging der Oberhirte der Lutheraner, Hamburgs Bischof Hans-Otto Wölber, mit dem Rassismus Programm ins Gericht. Er brandmarkte das "spezielle theologische Richtungsgefälle" des ÖRK-Stabes, das sei "wider den Geist der Ökumene", und er kündigte ein Embargo des Sonderfonds "der Kirche bei uns" an. Seiner Meinung nach bedeutet die "Politisierung der Kirche eine große Gefahr für die Einheit der Kirche", und er schrieb "in ernster Sorge" an die deutschen Mitglieder des Zentralausschusses, die "Weite und Fülle theologischer Traditionen" werde bei dem Genfer Vorschlag nicht berücksichtigt. Als ginge es, zum Beispiel, bei dem energischen, doch aussichtslosen Kampf der südafrikanischen Kirche gegen die Rassenunterdrückung der Apartheid-Politik um eine fundierte Auslegung von Textstellen des Neuen Testaments.

Weltferner noch als der Hamburger Bischof argumentierten seine Mitgläubigen in den Synoden der hannoverschen und bayerischen Lutheraner: Die Freiheit, die Christus schenke, bleibe auch dort mächtig, wo politische Freiheit noch nicht erreicht oder wieder verloren gegangen sei (Hannover); Befreiung sei "erst nach dem von Gott heraufgeführten Untergang des gegenwärtigen Äons vollendet" (Bayern). Abgesehen von dem verquollenen Deutsch dieser Entgegnungen – hilft solche Aussicht auf den St. Nimmerleinstag und solche Zuversicht auf Gottes "ewigen Ratschluß" etwa jenen Afrikanern in Rhodesien, die von den weißen Herren noch immer als Knechte gehalten werden?

Im Kern hat die für den Augenblick geschlichtete Kontroverse um das Antirassismus-Programm des Weltkirchenrates den alten Konflikt zwischen Welt und Kirche, Theologie und Tat, wieder zum Ausbruch gebracht. Und weite Teile des deutschen Protestantismus haben noch immer nicht begriffen, daß es nicht nur eine "weiße Theologie" gibt, die durch die sträfliche Verquickung von Mission und Kolonialismus obendrein diskreditiert worden ist. Zu der Losung für die 5. ÖRK-Vollversammlung – "Jesus Christus befreit und eint" – sagte in Berlin der indische Bischof Paul Verghese: Dies sei für die Kirche in der Dritten Welt eine typisch westliche Parole. Und Philipp Potter, der Genfer Generalsekretär aus Jamaika, warnte die Kritiker des Antirassismus-Programms vor einer "spirituellen Sicherheit um jeden Preis".

Der deutsche Protestantismus ist in Not. Unter Mühen versucht er, die Gemeinschaft der verschiedenen evangelischen Konfessionen zu organisieren. Zugleich muß er den Ansturm einer anschwellenden pietistischen Bekenntnisbewegung abfangen. Dazu kommt die Abwanderungswelle unzufriedener und überdrüssiger Kirchensteuerzahler. Und nun noch die Fehde um die Frage, wie stark die Kirche sich in dieser Welt engagieren und Partei nehmen darf.

Nach seiner Wahl zum Ratsvorsitzenden der EKD im vergangenen Jahr erzählt Helmut Claß von einem Bantupriester, der ihm einmal gesagt hatte: "Die Israeliten, die als Fronarbeiter in der ägyptischen Gefangenschaft leben mußten, hatten es gut. Die konnten zu einem anderen Gott beten als ihre Ausbeuter, die Ägypter. Aber wir müssen zu dem gleichen Gott beten wie die weiße Herrschaft in Pretoria. Und das können wir bald nicht mehr." Besser läßt sich die "Herausforderung eines Christenmenschen" von heute kaum formulieren.