An einem See in den mexikanischen Bergen beginnt der Film. Auf dem Wasser schwimmen die Enten, am Seeufer sitzt ein schwangeres Mädchen im weißen Kleid und streichelt sich vorsichtig über Bauch und Brüste. Zwei, drei Minuten dauert der schläfrige Zauber. Dann erscheinen zwei rauhe Mannsgestalten, holen das Mädchen weg vom Ufer, bringen es zu einem Haus, in ein pompöses, kathedralendunkles Zimmer, schleppen es vor ein bigottes Familiengericht. El Jeffes, Großgrundbesitzer, will von seiner Tochter wissen, wer der Schwängerer war. Er läßt das Mädchen demütigen, schlagen, foltern – so lange, bis es den Namen des Kindsvaters sagt: Alfredo Garcia. Und sofort schickt der nach Rache gierende Vater seine Mordgesellen los: "Bringt mir den Kopf von Alfredo Garcia!"

Das ist, auf kaum mehr als fünf Filmminuten zusammengedrängt, eine typische Peckinpah-Exposition: dieses jähe Umschlagen von lyrischer Schönheit in häßliche Gewalt, dieses heftige, schmerzende Nebeneinander von Zartheit und Vernichtungswut.

Es sind zwielichtige, dubiose (natürlich auch ideologisch und moralisch dubiose) Filme, die Sam Peckinpah macht – weil er vom Morden und vom Eros verzaubert ist, so verzaubert, daß in seinen Filmen beides oft kaum noch voneinander zu unterscheiden ist. Ob der Held (so in Peckinpahs vorletztem Film "Pat Garrett jagt Billy the Kid") seine Gegner niedermordet oder ob er zu einem Mädchen ins Bett steigt: beides zelebriert er mit dem gleichen unschuldigen Kinderlächeln auf dem Gesicht, mit der gleichen animalischen Zärtlichkeit. Man konnte in diesem Film (wenn man sich nicht vorsätzlich blind stellte, sich nicht immunisierte mit ideologiekritischen Vorbehalten) Erfahrungen machen, wie man sie ähnlich verwirrend vielleicht nur in den Büchern von Jean Genet macht. Auch wenn einem Männerwelt und Westernmythos ziemlich egal sind, auch wenn man mit Pistolen und Gewehren nichts Phallisch-Fetischistisches im Sinn hat, begriff man eine Menge über die Faszination von Gewalt, über den fatalen Zauber des Mordens. Denn die Morde in diesem Film sahen nicht profan und nicht schmutzig aus, sondern wie mystische Akte, voll Märchengeheimnis.

So dubios, so vieldeutig ist, trotz der Peckinpah-Exposition, "Alfredo Garcia" nicht. Im Gegenteil: dies ist über weite Strecken ein deprimierend eindeutiger, simpel durchschaubarer Film geworden. War "Pat Garrett..." in fast jeder Szene Liebes- und Mordgeschichte zugleich, so fällt dieser neue Peckinpah-Film in zwei leicht unterscheidbare, kaum miteinander verbundene Abteilungen auseinander: in eine bittersüße Mexiko-Operette und ein gewaltiges Mordspektakel.

Denn die Geschichte, sie geht so weiter: El Jeffes Mordgesellen wollen Alfredo Garcia nicht selber fangen, sondern beauftragen Bennie (Warren Oates), einen vom Leben verprügelten Desperado, einen, der "immer ein Verlierer war", mit der Kopfjagd. (Schäbiges Honorar: 10 000 Dollar). Von Elita, seiner schönen Freundin, die auch den Alfredo Garcia mochte, erfährt Bennie, daß der Gejagte schon tot ist. Dann besteigen Bennie und Elita ein Automobil und fahren los – auf der Suche nach dem verschollenen Leichnam.

Die Fahrt führt durch das schöne Mexiko und dauert leider viel zu lange. Weil sich Bennie und Elita lieben, gibt es viel herzlichen Klamauk im Bett und um das Bett herum, gibt es Gesang und Gitarrenspiel, Picknick unter Bäumen und nächtliche Bekenntnisse, die einem wirklich ans Herz greifen: "Wichtig ist nur, daß wir beide zusammen sind." Isela Vega agiert wie eine mexikanische Ausgabe von Maria Schell, und wenn ihr Bennie den klassischen, in einer Love-Story wohl unvermeidlichen Satz sagt ("Willst du meine Frau werden?"), rollen die Tränen und singen die Geigen. Es dauert nicht lange, und man bekommt beim Zuschauen richtig atavistische Gelüste; wartet mit wachsender Ungeduld auf den ersten Mord.

Gründe für das Desaster? In einem höchst lesenswerten "Playboy"-Interview (in dem sich Peckinpah auf einleuchtende Weise mit Homer, Euripides und Shakespeare vergleicht) steht vielleicht eine Antwort. Da räsoniert Peckinpah über sein gestörtes Verhältnis zu den USA und schwärmt von seiner Liebe zu Mexiko: "Hier in diesem Land macht sich jeder Sorgen um das Ende des Krieges, um die Rettung der Wälder und ähnliches Zeug; aber die gleichen Kreuzritter gehen morgens aus dem Haus und vergessen, ihre Frauen zu küssen und die Blumen zu gießen. In Mexiko kümmert man sich nicht so gottverdammt viel um die Rettung des Menschengeschlechts; in Mexiko vergißt man nicht, einander zu küssen und die Blumen zu gießen."