Von Manfred Henningsen

Von der Neuen Linken Amerikas sind in den sechziger Jahren Impulse ausgegangen, die Studentenrevolten und Jugendbewegungen weltweit Auftrieb gegeben haben. Diese Globalität des Protestes hat freilich die spezifisch amerikanische Ausgangssituation und die inneramerikanische Entwicklung der Neuen Linken in den Schatten rücken lassen. Ein minuziöser Bericht über die Genesis, den vorübergehenden gesellschaftlichen Erfolg und den schließlichen Zerfall der spektakulären Bewegung, eine gewissenhaft gearbeitete Bestandsaufnahme, der namhafte Sozialwissenschaftler bereits ihren bleibenden zeithistorischen Wert bescheinigt haben, ist jetzt in den Vereinigten Staaten erschienen:

Edward J. Bacciocco: "The New Left in America. Reform to Revolution 1956 to 1970"; Hoover Institution Press, Stanford/Cal. 1974; 8,95 $

Die Neue Linke begann gleichsam an einem Nullpunkt und sollte zehn Jahre später, wie die Alte Linke vor ihr, an einem ähnlichen Nullpunkt enden. Mit der Alten Linken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hält sich Bacciocco nicht lange auf. Allzu knappe Hinweise auf den Erfolg der Linken während Roosevelts New Deal und auf das Scheitern, die Anpassung oder den teils freiwilligen, teils erzwungenen Rückzug in der Nachkriegszeit und während des Kalten Krieges lassen das Vakuum zumindest durchscheinen, in dem sich die Bewegungen des jugendlichen Protestes in den sechziger Jahren ausbreiteten. Ungleich den Europäern konnten sich die Amerikaner kaum auf intellektuelle Traditionen oder organisatorische Strukturen verlassen.

Erste Anstöße zur Entstehung eines politischen Bewußtseins außerhalb der traditionellen Kanäle gingen, so Bacciocco in seiner reich dokumentierten Arbeit, von der britischen "Kampagne für Nukleare Abrüstung" aus. Die Ostermarschierer von Aldermaston in den späten fünfziger Jahren lebten Formen des Protests vor. Auch eine ideologisch freischwebende Sozialkritik in England, wie etwa John Osbornes Look Back in Anger (1957), kam der gesellschaftlichen Mißstimmung in Amerika entgegen, wie sie die Autoren der Beat-Generation (Jack Kerouac und Allen Ginsberg) oder J. D. Salinger in ihren Romanen, Gedichten und Liedern widergespiegelt hatten. Der Soziologe C. Wright Mills, und nicht etwa Herbert Marcuse, der erst durch seinen Erfolg in Europa auf Amerika zurückwirken sollte, steuerte eine revisionistisch-marxistische Gesellschaftsanalyse bei. Die unmittelbaren Geburtsumstände der Neuen Linken wurden aber von so unterschiedlichen Ereignissen wie der Wahl John Kennedys (1960), der Machtübernahme Castros in Kuba (1959), der Hinrichtung des Verbrechers Caryl Chessman in San Quentin (1960), den Hearings des Un-American Activities Committee und den Sit-ins gegen die Rassensegregation in den Südstaaten bestimmt.

Schienen Kennedys Wahl und Castros Revolution liberale und radikale Möglichkeiten der Veränderung zu demonstrieren, bewiesen die Vorgeschichte der Hinrichtung Chessmans (er saß zwölf Jahre in der Todeszelle und hatte sich während dieser Zeit zum rebellischen Schriftsteller entwickelt) und die antikommunistischen Hearings im Kongreß ein eher vorzeitliches Beharrungsvermögen des offiziellen Amerika. Mit den Sit-ins im Süden begann sich aber der eigentliche Prozeß des zivilen Ungehorsams in der amerikanischen Studentenschaft anzubahnen, der sich später in die radikalen Bewegungen des Black Power und des faktisch weißen Studentenverbandes SDS (Students for a Democratic Society) aufspalten sollte.

"Das ‚Student Non-violent Coordinating Committee (SNCC)’... war", wie Bacciocco schreibt, "der bewegende Geist der frühen Neuen Linken in den Vereinigten Staaten." Nirgends werden die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der europäischen Szenerie deutlicher, wenn man die existentielle Dramatik dieser rein amerikanischen Auseinandersetzung in den vier Phasen ihrer Radikalisierung verfolgt: die Sit-ins gegen die Diskriminierung durch die Behörden; die sogenannten Freedom Rides, welche die Rassentrennung auf öffentlichen, vor allem zwischenstaatlichen Verkehrsmitteln beenden sollten; die Feldzüge zur Wählerregistrierung unter den Schwarzamerikanern des tiefen Südens; der Versuch, die rassistische Parteiorganisation der Demokraten im Staate Mississippi durch Gründung einer demokratischen Gegenpartei aufzubrechen. Der gewaltsame Gegenschlag der Gesellschaft, den europäische Studenten durch theatralische Inszenierungen überhaupt erst erzeugten, mußte in Amerika nicht herausgefordert werden; es bedurfte nur geringster Anlässe, um die Studenten dem Mord und Totschlag auszusetzen.