Die Chance einer Eingrenzung und Abkühlung der jüngsten Zypernkrise schien Anfang der Woche noch nicht vertan. Am Mittwoch, da die Genfer Konferenz geplatzt ist, war alles wieder in Frage gestellt. Der andauernde Nervenkrieg weitete sich rasch wieder zum blutigen Waffengang aus.

Viel spricht dafür, daß die Türken, vielleicht auch die Griechen, ein Scheitern der Genfer Konferenz einkalkuliert hatten. Auf der zweiten Verhandlungsrunde der Außenminister Griechenlands, Großbritanniens und der Türkei lastete von vornherein das volle Gewicht der durch die türkische Landung auf Zypern geschaffenen Fakten. Ankara nützte die Schwäche der griechischen und die Stärke der eigenen Position hemmungslos aus.

Kein Zweifel: Die Türken waren auch diesmal nicht nach Genf gekommen, um zu diskutieren, sondern um zu diktieren: Wenn nicht die rigorose Zweiteilung Zyperns, dann eben die Zuteilung von sechs territorial geschlossenen und geographisch fest umrissenen Selbstverwaltungskantonen für die türkische Minderheit unter dem Dach einer neuen Föderation. Aber darauf wollte sich Athen nicht einlassen, aus Furcht, dies könnte der erste Schritt zu einem Anschluß von Teilzypern an die Türkei sein. Und Ankara feuerte die traumatischen Vorstellungen der Griechen noch an, indem der Innenminister mit der provozierenden Erklärung vorprellte, die Türken seien militärisch jetzt stark genug, um die ganze Insel zu besetzen.

Sicherlich steckte hinter dieser Arroganz, mit der Ankara "verhandelte", viel von der List des levantinischen Teppichhändlers, der lärmend um seine Preise feilscht. Die Besetzung ganz Zyperns stand nie wirklich zur Debatte. Auch eine Teilung mit Anschlußfolgen, die den größten Teil der Insel Griechenlands zuweist, liegt nicht im türkischen Interesse. Ankara würde sich damit nur drückenden Ballast aufladen: Umsiedlungen, Garnisonspflichten, eine neue Front gegenüber den Griechen und Streit mit der Sowjetunion, die mit strategischer Verve an Zyperns Eigenstaatlichkeit festhält.

Aber dem türkischen Machtpoker um Zypern und den griechischen Gegenzügen, jener von Athen mit hellenistischem Eifer beschworenen "nationalen Krise" und "nationalen Mission", liegen vor allem innenpolitische Zwänge zugrunde. Beide Regierungen sind neu angetreten und haben harte Militärregimes abgelöst. Beide stehen sie unter dem Druck argwöhnischer Generäle und nationalistisch erregter Volksmassen. Beide müssen sie im Zypernkonflikt die nationale Ehre retten, um sich im Sattel zu halten und ihre demokratisch-freiheitlichen Reformvorhaben durchsetzen zu können. Ecevit in Ankara und Karamanlis in Athen dürfen indes die Zypern-Konfrontation nicht zu weit treiben lassen, sonst verlieren sie erneut die Militärapparate aus dem Griff.

Vom Weltsicherheitsrat, dem der Fall Zypern jetzt von der erschöpften britischen Regionalgendarmerie übertragen wurde, ist keine Patentlösung zu erwarten. Die erbitterte Urfehde um das letzte Stück aus der byzantinischen Erbmasse reicht zu tief. Zudem will weder Washington noch Moskau es mit der einen oder anderen Konfliktspartei verderben und ist sowohl in Ankara als auch in Athen die Nato-Druckempfindlichkeit und Allianzabhängigkeit schwächer geworden. Die zornigen Griechen haben jetzt im Bann des neuen Zypernkrieges daraus die Konsequenzen gezogen und ihre Mitgliedschaft in der Militärorganisation der Nato aufgekündigt. Andreas Kohlschütter