Bei Mercedes-Benz in Untertürkheim spürt man nichts von der gegenwärtigen Autokrise. Hier wird auf Hochtouren produziert, hier gibt es noch immer Lieferfristen (wenn sie auch geschrumpft sind). Arbeitskräfte werden nicht mit goldenen Prämien in die Wüste geschickt; im Gegenteil, man stellt neue ein. Für das laufende Jahr ist eine Produktionssteigerung um vier Prozent auf 345 000 Personenwagen geplant – und, so betonte Mercedes-Vorstandsmitglied Heinz Schmidt vor der Presse, man sieht keinen Grund, von dieser Zielplanung abzugehen. In der Tat: Eine Insel inmitten einer Branche, die für 1974 mit einem Absatzminus von 15. bis 20 Prozent rechnet.

Grund für diese erfreuliche Lage der Schwaben ist neben einer äußerst maßvollen Expansion in der Vergangenheit (die zu jenen Lieferfristen führte, von denen man selbst in den schwärzesten Monaten beruhigend zehren konnte) ein besonderes Typenprogramm. Es ist durch höchsten Aufwand ebenso geprägt (Beispiel: die "Koppelachse", mit der man bei den 450ern das Einsinken des Hecks beimBeschleunigen unterdrückt), wie durch Spezialisierung auf Typen, die auf der ganzen Welt noch immer einzig dastehen. Dazu gehören nicht zuletzt die Diesel-Modelle. Durch den neuen 240 D 3.0 wird der Vorsprung zur Konkurrenz noch größer.

Dieser neue Diesel-Typ sorgte für Schlagzeilen: Er hat fünf Zylinder. Die krumme Zahl bedeutet für Personenwagen eine kleine Sensation. Es wurde sogar behauptet, sie sei einzig auf der Welt – was andere Hersteller freilich veranlaßte, eiligst in Untertürkheim zu intervenieren: Bei ihnen existierten ebenfalls Fünfzylinder. Mercedes-Benz verfügt selbst über zwei derartige Triebwerke, allerdings für Lastwagen. Eines wird in Brasilien gefertigt, das andere wird in Zusammenarbeit mit der MAN gebaut. Bei Personenfahrzeugen gab es schon in den zwanziger Jahren Fünfzylinder: So beim "Turbo-Leicht"-Auto aus den Jahren 1923/24. Es kam ebenfalls aus Stuttgart, wurde von der Turbo-Leicht-Motoren AG gebaut und war eine Konstruktion von S. Walter Müller aus Oerlikon in der Schweiz. Auch die fast schon legendäre Megola hatte fünf Zylinder – das war ein völlig aus dem Rahmen fallendes Motorrad, bei dem der (Stern-) Motor im Vorderrad untergebracht war. Die Zylinder drehten sich, die Kurbelwelle war die Nabe.

Jetzt also haben die Untertürkheimer den Fünfzylinder wiederentdeckt. Dabei war die Aufgabe nicht schwierig: Sie hieß, einen Diesel mit mehr Leistung zu entwickeln.

Versuche mit Turboladern, schon beim 190 D vor zehn Jahren angestellt, führten offenbar nicht zum gewünschten Ergebnis. Blieb als Lösung nur mehr Hubraum. Hier allerdings stieß man auf eine alte Schwierigkeit: Vierzylinder dürfen nicht mehr Hubraum haben als 2, maximal 2,4 Liter. Oberhalb dieser Grenze werden die "Massenkräfte zweiter Ordnung", die sich bei allen Vierzylindermotoren nicht auswuchten lassen, so groß, daß die Maschine rauh zu laufen beginnt, sie vibriert. Auf 2,4 Liter aber war Daimler-Benz schon bei der letzten Vergrößerung des Motors gegangen, beim 240 D.

Die normale Weiterentwicklung wäre ein Sechszylinder gewesen, Ihn gab es mit drei Litern Hubraum auch bereits als Prototyp. Gleichzeitig baute man als Versuch aber auch einen Fünfzylinder – zu dem man sehr einfach kam, indem man dem Vierzylinder aus dem 240 D einen weiteren "Topf" gleicher Abmessungen anfügte. Kolben, Pleuel, Verbrennungsräume, Vorkammern – alles ist gleich wie beim 240 D, nur eben einmal mehr vorhanden. Als Hubvolumen ergaben sich drei Liter. Der Sechszylindermotor wäre so lang geworden, daß er im Motorraum des 240 D nur schwer Platz gefunden hätte, er hätte im Gewicht und nicht zuletzt in den Kosten höher gelegen. Der fünfte Zylinder aber steigert das Motorgewicht nur um 31 auf 234 kg, weder mit der Vorderachslast, noch mit den Lenkkräften gibt es Schwierigkeiten.

Aus seinen drei Litern schöpft der Fünfzylinder stattliche 80 PS. Bei einem Leergewicht von eineinhalb Tonnen sind 80 PS gewiß keine adäquate Leistung – aber das Schimpfwort "lahmer Diesel" trifft hier nicht mehr zu. Beim Einfädeln in die Autobahn entwickelt der Dreiliter genügend Schub, um vor dem nächsten herankommenden Wagen auf Tempo zu sein, beim Überholen legt er spürbar schneller zu. Bei einem Zahlenvergleich zum 240 D mit Vierzylindermotor kommt das deutlich heraus: Spitze fast 150 gegenüber 138 km/st, Beschleunigung auf 100 km/st in 19,9 statt 24,6 Sekunden.