Im Rahmen einer schlichten Feierstunde wurde in Bonn und nicht in Berlin, wie zunächst vorgesehen – der "Kunstpreis 74" der ‚Problema‘ durch ihren Vorsitzenden, E. Stolperdraht, den Preisträgern überreicht. Mit ihrem Preis zeichnet diese Problembeschaffungsstelle alljährlich ein künstlerisch besonders gelungenes Problem aus. Nach den Statuten wird der Preis an "Persönlichkeiten – des öffentlichen Lebens verliehen, die sich in hervorragender Weise um die Schaffung eines originellen Problems verdient gemacht haben".

In seiner Laudatio auf die Preisträger wies Stolperdraht auf den Sinn dieses Preises hin: "Während andere Länder gerade in diesem Sommer wieder einen Problemüberschuß verzeichnen können, so daß man sogar von echten Exportchancen sprechen darf – denken wir an Italien und Amerika! –, leidet unser Land unter einem bedauerlichen Problemdefizit. Auf dieses Problem soll durch unseren Preis hingewiesen werden".

Stolperdraht fuhr fort: "Nach dem Willen der Stifter soll mit dem Preis ein Problem-Kunstwerk gekrönt werden, das sich durch kreative Phantasie, oder sogar durch Humor, auszeichnet. Auch sollte sein deutscher Ursprung unverkennbar sein.

Noch vor kurzem schien es nur einen preiswürdigen Kandidaten zu geben: unsere Fußballnationalmannschaft, nachdem sie bei der WM gegen die DDR verloren hatte und damit das Problem aufgeworfen, was soll aus Deutschland werden, wenn wir nicht Weltmeister werden?

Nachdem sich dieses Problem aber von selber gelöst hatte, tat sich die Jury bei ihrer Entscheidung leicht. Sie fiel – einstimmig! – zugunsten der Künstler aus, denen wir die Idee verdanken, das Umweltbundesamt in Berlin zu errichten. (Langanhaltender Beifall).

Wenn je das Wort ‚Kunst‘ angebracht erschien, dann bei dieser Wahl. Gehört doch eine große Kunst – und entsprechend viel Phantasie – dazu, sich einen Ort vorzustellen, der in organisatorischer, finanzieller und politischer Hinsicht weniger geeignet erscheint als diese Stadt. Wie aus der Begründung der Jury für ihre Entscheidung hervorgeht, ‚zeuge es auch von einem starken Sinn für Humor, ein Bundesamt so zu stationieren, daß seine Mitarbeiter, wenn sie zu ihrer Arbeitsstätte reisen wollen, mehr oder weniger auf Schleichwege angewiesen sind‘.

Nun zu unseren Preisträgern. Es hat da eine bedauerliche Panne gegeben, die wir nicht vertuschen wollen. Es war zunächst vorgesehen, den Preis an Egon Bahr zu verleihen, dem die Idee, das Umweltamt in Berlin aufzubauen, zugeschrieben wird. Es ehrt ihn, und spricht für seine Bescheidenheit, daß er den Preis abgelehnt hat, beziehungsweise nicht allein annehmen will, und zwar mit der Begründung, das Verdienst an der viel wichtigeren Ausführung gebühre nicht ihm, sondern Genscher. Als die Jury schon entschlossen war, den Preis zwischen Bahr und Genscher zu teilen, tauchte ein neues Problem auf: Mit dem Regierenden Bürgermeister in Berlin, Klaus Schütz, hatten wir nämlich einen weiteren, preiswürdigen Kandidaten, ohne dessen beharrliches Drängen das Umweltamt nie nach Berlin gekommen wäre.

Bevor ich nun zur Preisverleihung schreite, darf ich noch einen weiteren Jury-Entscheid bekannt geben: Ein Sonderpreis wird den DDR-Behörden verliehen, weil sie aktive Mitwirkung entscheidend zum Entstehen dieses Problems beigetragen haben."