ARD, Montag, 12. August: "Flucht oder Freiheit?" von Dieter Donner

Es gibt einen Typ von germanistischen Büchern, deren Titel das Imponiergehabe wunderbar beherrschen: "Strukturen der Kommunikation – Materialistische Untersuchungen zur Trivialästhetik des Kapitalismus", oder ähnlich. Erst bei näherem Hinsehen merkt man dann, daß es sich zum Beispiel um eine Dissertation über das Wortspiel im Schelmenroman des späten 18. Jahrhunderts handelt.

Das Fernsehen kann das auch. Ob Selbstmord "Flucht" oder "Freiheit" ist, auf diese vielleicht ja auch nicht sehr sinnvolle Titelfrage ließ sich Dieter Donners Filmbericht nirgends ein. Ehrlicher hätte er geheißen: Sieben "gerettete Selbstmörder" erzählen ein wenig aus ihrem Leben.

Das nun könnte es auch wert sein, gesendet zu werden; nur müßte man dann richtig fragen können. Richtig fragen hieße leider, zudringlich und neugierig zu fragen; es hieße, sich nicht von vornherein damit zufriedenzugeben (oder den Interviewpartnern gar aufzureden), ihre Tat sei eine Kurzschlußhandlung aus Mangel an "Geborgenheit" gewesen. Es hieße, Antworten zu provozieren, die die tatsächlichen Katastrophen sichtbar machen, aus denen heraus sich jemand entschließt, das Leben zu beenden. Es hieße, den Schutzpanzer der Phrasen und Formeln zu durchstoßen.

Auch nach der Tat selber müßte gefragt werden; schließlich haben die ins Leben zurückgeholten Selbstmörder den meisten anderen etwas voraus: das Unausdenkbare, das Erlebnis des eigenen Tods. Und wenn es sich so verhält, daß auch das nicht notwendigerweise ein "tiefes" Erlebnis ist, daß einen auch das später nichts weiter angeht: so verdiente eine solche Einsicht ebenfalls, genau herausgearbeitet zu werden.

Dieter Donner besaß diese Neugier nicht, oder er hatte nicht den Mut zu ihr. Er wählte die betuliche Diskretion: "Rosemarie, hat sich irgend durch diese Tat die Einstellung zum Leben schlechthin bei Ihnen gewandelt, gefestigt... Wie beurteilen Sie Lebenwollen, Sterben wollen?" Die verdiente Antwort: "Ja, s’is schlecht zu beurteilen... Heutzutage is det so schwer, weil man hat ja eben nich die richtijen Freunde, man hat nicht die Mittel, weil man finanziell nicht so jut jestellt is..." Nächste Frage: "Heidelinde, wie sieht es bei Ihnen aus?"

Auf diese Weise kann eine solche Sendung nicht mehr herausbringen, als daß der Selbstmord irgendwelchen nebulös bleibenden Konfliktsituationen entspringt. Und wenn der Filmautor es wünscht, wie Donner es so wohlmeinend wünschte: daß man ihn besser unterläßt. Noch nicht einmal an das allererste Problem, das er stellt, kommt man bei soviel seelsorgerischer Zurückhaltung heran: ob der Selbstmörder tatsächlich sterben oder ob er an seine Umwelt appellieren wollte; in welchem Ausmaß also der Selbstmord ein gescheiterter Selbstmordversuch ist.