Die Reeder haben die Nachfrage nach Erdöl überschätzt

Die Euphorie währte nicht lange: Noch vor zehn Monaten frohlockten Reeder aus aller Welt, als der Index für Tankerfrachten den Rekordstand von 420 WS erreichte (WS gleich Worldscale gibt das Niveau für Tanker-Frachtraten an, wobei der Stand von 1947 gleich hundert gesetzt wurde). Damals prophezeiten sie einen Ratenboom von Dauer. Sie rechneten damit, daß die Araber mit dem Ölembargo die Nachfrage für Supertanker langfristig auf einem hohen Niveau halten würden.

Ihre Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Während im Oktober 1973 die Mineralölgesellschaften für den Transport einer Tonne Erdöl vom Persischen Golf nach Europa 40 Dollar bezahlten, war der Preis bereits zum Jahreswechsel wieder auf rund fünf Dollar gesunken. Inzwischen ist der Ratenindex auf ein deprimierendes Niveau abgesunken: Anfang der Woche stand er bei 40 WS.

Schiffsmakler, die ihr Geld mit dem Verkauf von Schiffen verdienen, berichten von einer Schwemme für Verkaufsaufträge. Reeder aus Griechenland, Hongkong und Norwegen hatten nämlich in der Hoffnung auf eine profitable Zukunft beim Öltransport zahlreiche Neubauten für Supertanker vergeben. Jetzt versuchen sie, diese Kontrakte so schnell wie möglich weiterzuverkaufen. Viele sind sogar bereit, die Verkaufsangebote durch Preisnachlässe attraktiver zu machen. Hamburger Makler schätzen, daß auf dem "re-sale-Markt" (Wiederverkaufsmarkt) zur Zeit bis zu zehn Prozent Rabatt gewährt werden. Für den Verkäufer bedeutet dies Verluste in Millionenhöhe, denn immerhin kostet ein Supertanker von 380 000 Tonnen Ladefähigkeit derzeit rund 180 Millionen Mark.

Die größten Hoffnungen setzen die enttäuschten Reeder dabei auf die Ölländer des Nahen und Mittleren Ostens. Sie hatten bereits in der Vergangenheit maritimen Ehrgeiz entwickelt. Vor zwei Jahren beschlossen die Mitgliedsländer der OAPEC (Organisation of Arab Petroleum Exporting Countries), eine multinationale Tanker-Reederei aufzubauen. Die gemeinsame Öltransportgesellschaft Arab Petroleum Maritime Company mit Sitz in Kuwait hat bei der Krupp-Werft AG Weser in Bremen einen Supertanker in Auftrag gegeben.

Inzwischen überschütten Reeder aus aller Welt die Araber mit Kaufangeboten. Die Zeit drängt, denn häufig genug steht die Ablieferung der Werft kurz bevor, und bei Verweigerung der Abnahme hätten sie hohe Konventionalstrafen zu zahlen.

Bis jetzt liefen die Verhandlungen mit arabischen Reedereien indes nicht sonderlich erfolgreich. Wider Erwarten operieren die Scheichs sehr vorsichtig. Es gibt auch keinen Grund zur Eile: Zur Zeit fahren auf den Weltmeeren etwa dreitausend Tanker, die zusammen rund 200 Millionen Tonnen Öl transportieren können – das sind etwa vierzig Prozent des gesamten Ladungsaufkommens. In den Auftragsbüchern der Werften sind Neubauten für mehr als tausend Tanker mit rund 190 Millionen Tonnen Ladefähigkeit verzeichnet. Die Schiffe sollen bis 1978 an ihre Besteller abgeliefert werden.