Von Wolf gang Boller

Pedro stempelt sich gesund. Als Routinier der Schwarzen Kunst beherzigt er eindrucksvoll das erste Gebot expansiver Geschäftspolitik, das da befiehlt: Klappern gehört zum Handwerk. Die Vervollständigung des Druckerzeugnisses gleicht einem Tanz mit Kastagnetten. Und rings um Pedros Druckkastenwerkstatt im Herzen von Torremolinos sammeln sich die Schaulustigen mit lockerem Feriengeld und unverhohlenem Vergnügen am Markt der Eitelkeiten.

Pedro ist ein erfahrener Menschenkenner. Er verkauft Stierkampfplakate von Torremolinos, wo es gemeinhin keine Corridas gibt. Doch das ist für Pedros Unternehmen belanglos. Karl Gürtelbahn aus Castrop-Rauxel ist ja auch kein Matador. Doch wenn er das Plakat empfängt, prangt dort sein Name zwischen den Heroen der Stierkampfarena: Paco Camino, Cordobes und El Gürtelbahn – ein neuer, glänzender Beweis für die Geduld des Papiers. Der gelungene Scherz kostet umgerechnet ungefähr fünf Mark und erfreut sich, namentlich unter amerikanischen Urlaubsgästen, großer Beliebtheit. Pedro gibt der Wahrheit mit einer schwungvoll signierten Urkunde eine überzeugende Basis, gezeichnet Pedro Banana, Präsident. An guten Tagen bedruckt und verkauft er an die 200 Plakate.

Pedro ist einer der zahllosen lustigen Geschäftemacher der andalusischen Ferienfabrik, einer aus dem Heer der ambulanten Blumenverkäufer, Porträtisten, Karikaturisten, Scherenschnittkünstler und Schnappschußphotographen. Denn die Erinnerung als einziges Paradies, in dem der Sündenfall obligatorisch und die Vertreibung unwahrscheinlich ist, bedarf der Stütze. Urlauberinnen neigen zum Konterfei in farbiger Kreide (150 Mark), dessen Schönheit weniger im Auge des Beschauers als in der Nachsichtigkeit des alle realistischen Härten verabscheuenden Meisters liegt. Kunstfreunde wandeln unter Arkaden durch Schönheitsgalerien ewiger Jugend, gegen die selbst die Sammlung des Bayernkönigs Ludwig wie das Œvre eines menschenfeindlichen Naturalisten wirkt.

Alleinreisende Urlauber in spielerischer, aber nicht zu unterschätzender Konkurrenz mit Spaniens sachkundigen Hilfskellnern ziehen es vor, sich in Gesellschaft wechselnder Ferienfreundinnen oder nötigenfalls eines nach neuester Mode gekleideten Schimpansen ablichten zu lassen (ungefähr 7,50 Mark). Wer aber nach Bildstaffage mit herzhafterem Lokalkolorit strebt, kann sich im benachbarten Wachsfigurenkabinett mit einer Figur der spanischen Zeitgeschichte photographieren lassen – empfehlenswerterweise wieder mit El Cordobes in Lebensgröße.

Dieses Torremolinos, um’s jetzt zu sagen, ist ein Urlaubs-Disneyland, das sich in der Kulisse von Himmelblau und Meeresstrand in einem Jahrzehnt nach den Idealvorstellungen seiner Sommergäste ebenso befriedigend wie bestürzend selbst verwirklicht hat: eine funktionelle Dienstleistungsstadt, von Touristen gezeichnet, nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gebaut, von ihnen bevölkert.

In Torremolinos wurden die Ferien träume gewissenhaft und nicht einmal ohne Charme industrialisiert. Selbst das gelegentlich als störend empfundene Klingeln der Kasse gleicht einem Klirren silberner Becken in einem unsichtbaren, allgegenwärtigen Orchester. Dies alles mag erschreckend sein für Reisende, die im Ausland die Fremde suchen. Wer aber ohne Zeitverlust und lästige Initiative das ganze vorfabrizierte Spektrum an Lustgewinn zwischen Sonnenbräunung und Flirt, Hotelkomfort und Amüsement auskosten will, trägt Torremolinos wie einen Anzug aus der Maßkonfektion. Ihm wird der Urlaub von der Stange preiswert (Beispiel Neckermann: eine Woche ab 258 Mark) und passend erscheinen.