Von Michael Jungblut

In seiner programmatischen Rede vor dem Kongreß ließ der neue Präsident der Vereinigten Staaten keinen Zweifel daran, wo das Schwergewicht seiner Innenpolitik liegen wird: Gerald Ford erklärte die Inflation zum "Feind Nummer eins", den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gelte. Bereits wenige Stunden nach seiner Vereinigung hatte Ford seine wichtigsten Wirtschaftsberater um sich versammelt, um die notwendigen Schritte zu erörtern.

Die wirtschaftliche Lage ist eine der schwersten Hypotheken, die der Präsident von seinem Vorgänger übernehmen muß. Die Warnungen führender Politiker und Praktiker vor einer ernsten Krise sind in den letzten Wochen immer dringlicher geworden. "Das Land steht kurz vor einem wirtschaftlichen Desaster", mahnte beispielsweise Henry Reuss, der zu den angesehensten Wirtschaftsexperten im Kongreß zählt, wenige Tage vor Nixons Rücktritt. Er forderte, daß ähnlich wie im Krieg gegen Hitler die wichtigsten wirtschaftspolitischen Schaltstellen im Regierungsapparat mit Vertrauensleuten des Kongresses besetzt würden – unabhängig davon, ob der Präsident Nixon oder Ford heiße.

Rockefeller warnt

Von führenden Vertretern der amerikanischen Wirtschaft wird der Pessimismus des demokratischen Politikers geteilt. David Rockefeller, Präsident der Chase Manhattan, der viertgrößten Bank der Welt, warnt seit langem vor der Gefahr größerer Unternehmens- und Bankzusammenbrüche; er sieht das Risiko einer Panik an den Geld- und Kapitalmärkten. Die meisten seiner Kollegen urteilen ähnlich. Der Zusammenbruch von Herstatt und die Schwierigkeiten, in die kurz zuvor die Franklin National Bank of New York geraten war, haben viele US-Banker nervös gemacht.

Das wirtschaftspolitische Erbe, das Richard Nixon seinem Nachfolger hinterlassen hat, sieht in der Tat traurig aus:

  • Die Steigerungsrate der Verbraucherpreise, die bei Nixons Amtsantritt 4,5 Prozent betrug, liegt zur Zeit bei über zwölf Prozent – die höchste Inflationsrate in Friedenszeiten innerhalb der letzten zweihundert Jahre.
  • Die Arbeitslosenquote hat wieder 5,3 Prozent erreicht. Das bedeutet, daß zur Zeit 4,8 Millionen Amerikaner vergeblich Arbeit suchen. Es wird damit gerechnet, daß sich ihre Zahl bis zum Jahresende noch um 600 000 erhöht.
  • In den ersten drei Monaten dieses Jahres produzierte die Wirtschaft des Landes real 6,3 Prozent weniger als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Von April bis Juni schrumpfte das Bruttosozialprodukt nochmals um 1,2 Prozent.
  • Eine Streikwelle, wie es sie seit Jahren nicht mehr gegeben hat, überrollt die Vereinigten Staaten. Einige für die gesamte Wirtschaft gefährliche Arbeitskämpfe – zum Beispiel im Kohlebergbau – stehen in den nächsten Wochen und Monaten bevor.
  • Noch nie in diesem Jahrhundert waren Kredite so knapp und teuer. Selbst "erste Adressen" unter den industriellen Bankkunden müssen über zwölf Prozent Zins (Prime Rate) zahlen. Nur während des Bürgerkriegs wurden bisher ähnliche Sätze verlangt,
  • Trotz aller Bemühungen, die Zahlungsbilanz wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wird: auch in diesem Jahr ein Defizit von rund 15 Milliarden Dollar erwartet.
  • Seit 1969 fielen die Aktienkurse an den US-Börsen um 20 Prozent. Allein innerhalb der letzten eineinhalb Jahre ging der Dow-Jones-Index um 300 Punkte zurück. Die Wertverluste bei allen gehandelten Aktien werden auf etwa 450 Milliarden Dollar geschätzt. Viele Broker stehen vor dem Ruin.
  • Noch gar nicht abzuschätzen sind die Folgen der katastrophalen Dürre im amerikanischen Mittelwesten, dein "Brotkorb der USA". Die Ernteausfälle sind nicht nur für viele Farmer existenzgefährdend. Sie werden auch die Nahrungsmittelpreise weiter nach oben treiben. Ohne die traditionellen Getreideüberschüsse Amerikas wächst überdies in vielen Ländern der Welt die Gefahr einer Hungerkrise.