Der Vorhang fiel, doch manche Fragen blieben offen. Eine der wichtigsten: Warum in aller Welt hat Nixons Mannschaft am 17. Juni 1972 jenen "drittklassigen Einbruch" im Wahlhauptquartier der Demokraten inszeniert, der den Auftakt zum Watergate-Drama bildete? Letzte Woche zeichneten sich die Umrisse einer Antwort ab.

Die gängige Theorie über das Watergate-Unternehmen lautete bisher, die von den Nixon-Gehilfen angeheuerten Einbrecher hätten Unterlagen über den Wahlkampf der Demokraten und belastendes Material über deren führende Politiker beschaffen sollen. Einige Kommentatoren meinten, Nixon habe damals noch gar nicht gewußt, wie schwach sein Rivale in Wirklichkeit war. Andere argumentierten, er habe sich, selbst auf dem Gipfel seiner politischen Triumphe – und damals, im Sommer 1972, zweifelte niemand an seiner sicheren Wiederwahl – immer als "Verfolgter" und "Gejagter" gefühlt und sei deshalb stets zu unberechenbaren Reaktionen fähig gewesen. Aber das Mißverhältnis zwischen Risiko und Nutzen des Einbruchs vom 17. Juni 1972 ist doch so gewaltig, daß solche Erklärungen nie recht befriedigt haben.

Eine neue, einleuchtendere Erklärung haben Journalisten der New York Times aus bisher unveröffentlichten Berichten der Watergate-Untersuchungskommission des Senats destilliert. Aus diesem 42 Seiten starken Dokument geht hervor, daß sich Nixon tatsächlich in Gefahr fühlte, freilich aus ganz anderen Gründen: Er fürchtete, daß krumme Geschäfte ans Licht kommen würden, die ihn persönlich betrafen. Es ging um 100 000 Dollar, die der geheimnisumwitterte Multimillionär Howard R. Hughes dem Intimus von Nixon, Bebe Rebozo, als Wahlkampfspende hatte zukommen lassen. Für den Wahlkampf allerdings ist dieses Geld nie verwendet worden. Über Rebozo gelangte ein Teil der Summe an Nixons Brüder und an seine ergebene Sekretärin Rose Mary Woods – dieselbe, die später unter Aufbietung artistischer Fähigkeiten 18 Minuten eines Tonbandes löschte. Ein anderer Teil wurde für die Verschönerung des Präsidentendomizils in Key Biscayne verwendet.

Die Gefolgsleute Nixons, so lautet die neue Theorie, wollten herausbekommen, wieviel die Demokraten von dieser Transaktion wußten und notfalls die Unterlagen darüber verschwinden lassen. Immerhin hatte der demokratische Parteivorsitzende Larry O’Brien, der im Watergate-Hotel sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, früher als Berater für Öffentlichkeitsarbeit im Stab von Hughes gearbeitet. Es war nicht unwahrscheinlich, daß er Material besaß, das Nixon in Verlegenheit bringen mochte.

Peinliche Fragen nach der Verwendung der 100 000 Dollar waren von Journalisten bereits gestellt worden, vom Kolumnisten Jack Anderson und vom Herausgeber der Las Vegas Sun, Herman M. Greenspun. Die New York Times berichtete am 3. Februar 1972, Greenspun habe schriftliche Beweise für den Transfer der Summe. Daraufhin entschloß sich Nixons Mannschaft offenbar zum Handeln.

Die Klempner des Präsidenten verschafften sich zweimal Zugang zu O’Briens Büro, zuerst am 28. Mai 1972, als sie dort Dokumente photographierten und das Telephon anzapften. Die Photo-Ausbeute muß freilich nicht überwältigend gewesen sein, und auch die eingebaute Abhöranlage arbeitete nicht einwandfrei. Um die Fehler der ersten Aktion wieder auszubügeln, stiegen die Einbrecher noch einmal ein. Am 17. Juni, morgens um 2 Uhr, wurden sie geschnappt.

Greenspun behauptet, auch bei ihm sei eingebrochen worden. Ein Nixon-Tonband vom 14. April 1973 scheint diese Behauptung zu bestätigen. Laut der von ihm selbst veröffentlichten Nachschrift fragte der Präsident in einem Gespräch über "Geld und Wahlkampf": "Haben sie wirklich versucht, bei Hank Greenspun reinzukommen?" Die Antwort Ehrlichmanns: "Ich glaube, sie haben es tatsächlich geschafft. Sie sind hingeflogen, haben den Safe aufgebrochen und was rausgeholt." R. Z.