Von Dieter Piel

Das größte, schnellste und lauteste Blatt der Bundesrepublik fand für die Beschreibung des deutschen Arbeitsmarktes die kürzeste Formel: "500 000 Katastrophen", textete "Bild". Makabre Sehnsucht nach einer Zeit, als Arbeitslosigkeit wirklich noch katastrophal war; mißglückte Gleichsetzung des Stellenlosen in der Bundesrepublik mit den Arbeitslosen der dreißiger Jahre? Zwischen den Zeilen jedenfalls die Frage: Wie kann die Bundesregierung da nur ruhig bleiben?

Doch sie bleibt ruhig, wenigstens nach außen. Mag Franz Josef Strauß inständig nach Hilfsmaßnahmen für notleidende Branchen und Regionen rufen; mag DGB-Vorstandsmitglied Gerd Muhr anzüglich fragen, ob die Bundesregierung im kommenden Jahr lieber eine Million Arbeitslose oder ein paar Prozentpunkte weniger Stabilität wolle: Die Regierenden tun so, als gehe sie das alles wenig an.

Wirtschaftsminister Hans Friderichs gibt die Lösung einer "Konjunkturpolitik der ruhigen Hand" aus. Kanzler Helmut Schmidt bestreitet kurzerhand, daß 2,2 Prozent der erwerbsfähigen Bürger arbeitslos seien: Es seien, zähle man die Gastarbeiter mit, nur "2,2 Prozent von 110 Prozent".

Mit demonstrativ zur Schau gestellter Ruhe befinden sich die Bonner freilich in einer überaus kopfstarken Umgebung: Auch die Mehrheit der Bevölkerung trägt die Nachrichten über die Entwicklung der Arbeitslosen-Statistik gelassen. Nur elf Prozent der Bürger in der Bundesrepublik nennen die Arbeitslosigkeit in einem Atem mit "Wirtschaftskrise" und "Energiekrise" als wichtigstes Problem, dem sich die Regierung widmen müßte. 42 Prozent nennen dagegen Löhne und Preise. Die Bürger Italiens und selbst Dänemarks dagegen grämen sich, nach einer von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenen Untersuchung, vor allem über die trüben Beschäftigungs-Aussichten.

Nicht nur im internationalen Vergleich geben sieht die Deutschen ungewohnt ruhig; sie sind auch abgeklärter als noch im Rezessionsjahr 1967, als – im Februar – 673 572 Beschäftigungslose registriert wurden. Dabei ist die aktuelle Beschäftigungskrise schwieriger zu lösen als die damalige. War sie vor sieben Jahren konjunkturell bedingt und genügten finanzielle Spritzen des Staates, um sie verhältnismäßig rasch zu beheben, so herrscht diesmal eine strukturelle Krise.

Die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, deren Präsident Josef Stingl neuerdings in einem Monat mehr öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird als zuvor in etlichen Bonner Abgeordneten-Jahren, registriert allein über 66 000 arbeitslose Metallwerker, fast 40 000 Ex-Bauarbeiter und knapp 30 000 Arbeitslose aus den Textil- und Bekleidungsberufen. Dazu kommen zwar noch 69 000 arbeitslose Angehörige der Büro- und Verwaltungsberufe sowie 44 000 ehemalige Warenkaufleute, zumeist Verkäuferinnen. Bereinigt man indes diese Zahlen um saisonale Einflüsse – Berufsfachschul-Absolventen suchen jetzt ihre erste Anstellung, viele haben zum letzten Quartalsende gekündigt und suchen einen neuen Job, andere halten nach Teilzeitarbeit Ausschau – so konzentriert sich die Misere auf drei Branchen.