Österreich hat einen neuen Aktivposten für seine Touristenwerbung entdeckt: die Schloßgespenster. Nachdem im vergangenen Jahr drastische Preiserhöhungen den Feriengästen das Gruseln lehrten, sollen jetzt verstärkt weiße Damen und ermordete Raubritter als Lockmittel für verschreckte Gäste eingesetzt werden. Die Alpenrepublik, mit Burgmauern durchweg gut bestückt, hat ein ganzes Heer solcher jenseitigen Touristenattraktionen anzubieten, wenn auch die berühmten Spukstätten in Großbritannien in der Favoritenskala der Spukfans immer noch den ersten Platz einnehmen.

Da erfahrungsgemäß Amerikaner Geister besonders "wonderful" finden, hat sich der New Yorker Reiseleiter, Parapsychologe und Schriftsteller Hans Holzer in diesem Jahr entschlossen, den Jet-Spiritismus nach Österreich anzukurbeln. Unterstützt von der Panam und der New Yorker Filiale des Bremer Reiseunternehmens Wolters will er in diesem Sommer zahlungswillige amerikanische "Greenhorns" gruppenweise in die Geisterwelt der Alpenregion einführen.

Die Luftbrücke mit dem Anschluß ans Jenseits führt zuerst in die Wiener Hofburg, wo nicht nur die legendäre weiße Frau erscheinen soll, sondern auch der unruhige Geist der Kaiserin Elisabeth an Neujahrsnächten gesichtet wurde. Holzers "Legendary Castle Tour" bringt die aufnahmebereiten Gäste aus dem "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" anschließend nach Greifenstein, wo ein gefürchteter Räuberhauptmann posthum her–umspukt und nach Schloß Schlaining, das – alten Sagen zufolge – noch von dem abenteuerlichen Ritter Baumkirchen heimgesucht wird, der seinen Kopf unterm Arm mit sich herumträgt.

Gespensterkenner unter der Mannschaft der österreichischen Fremdenverkehrswerbung in Wien allerdings halten die Burg Bernstein für die Perle örtlicher Spukhochburgen. Hier erwartet den jenseitig gestimmten nächtlichen Besucher nicht nur der berüchtigte Rote Ritter, sondern vor allem die Weiße Dame, die ehemalige Schloßherrin Gräfin Frescobaldi. Sie wurde einst von ihrem eifersüchtigen Gatten wegen erwiesener Untreue lebendigen Leibes eingemauert – und findet seitdem offenbar keine Ruhe. Der letzte Burgherr Janos Tibor von Almasy versicherte eidesstattlich, sie zweimal gesichtet zu haben. Die jetzige Besitzerin, Gräfin Maria von Kuefstein, hatte leider noch nicht das Vergnügen dieser geheimnisvollen Bekanntschaft, doch erzählt sie begeistert von jener Nacht 1967, da die Weiße Dame mit dem traurigen Gesicht einem Stammgast um Mitternacht im Schlafzimmer erschien...

Der programmierten Urlauberjagd nach unerlösten Seelen stehen Österreichs Fremdenverkehrsexperten und Burgbesitzer allerdings nicht hundertprozentig optimistisch gegenüber. Einige Ferienpromoter möchten ihr Land lieber als sonniges Bergparadies in der Imagewerbung führen, andere fürchten, Gespensterstorys könnten ängstliche Besucher verjagen, und eine dritte Gruppe skeptischer Spukverkäufer warnt vor Regreßklagen enttäuschter Gäste, die trotz größter Anstrengung keinen Geist zu Gesicht bekamen.

Brigitte Zander