Ulm

Ohne Baugerüst werden die Ulmer Bürger und die Besucher der Stadt das Münster in diesem Jahrhundert wohl kaum mehr sehen. Das gilt selbst für das 700jährige Jubiläum der Grundsteinlegung im Juni 1977. Was die berühmten Baumeister der Parler, Ensinger, Böblinger und Engelberg zwischen 1377 und 1890 geschaffen haben, muß schon seit Jahrzehnten ohne Unterlaß renoviert werden. Nicht ohne Grund darf der Leiter der Münsterbauhütte behaupten: "Meine Leute haben eine Lebensstellung."

Es gibt verschiedene Münsterperspektiven. Freunde der Superlative sehen den höchsten Kirchturm der Welt – 161 Meter – und den größten Kirchenbau Süddeutschlands; andere bewundern die Bautechnik der Gotik, und die dritte Gruppe würdigt das Münster als bemerkenswertes Zeugnis eines ungebrochenen schwäbischen Bürgersinns.

Der Sakralbau in Ulm ist aber auch ein Faß ohne Boden, wenn man die jährliche Belastung kennt. 800 000 Mark müssen in jedem Jahr für die laufende Unterhaltung des Bauwerks aufgebracht werden. Dazu noch drei Millionen Mark, um die mittelalterlichen Buntglasfenster zu restaurieren. Der sogenannte "Wetterstein", ein Produkt der zunehmenden Luftverschmutzung, hat Teile der Glasmalerei buchstäblich "aufgefressen". Bis 1978 will man die neun Münsterfenster mittels einer simplen, aber wirksamen Außenverglasung vor weiteren Zerstörungen schützen. Dafür müssen 250 000 Mark "zusammengekratzt" werden.

Das Münster widerstand seit der Grundsteinlegung am 30. Juni 1377 zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen, selbst den Bomben des Zweiten Weltkrieges. Das, was wir als Fortschritt bezeichnen – Motorisierung, Industrie und Ölheizungen – macht dem geschichtsträchtigen Gemäuer hingegen ernsthafte Beschwerden.

Gerade vom Kölner Dom her weiß man, wie die Umwelteinflüsse auf Sandstein wirken: Er verwandelt sich in Gips. Mit anderen Worten: Bald werden die Ulmer ähnlich leidvolle Erfahrungen mit ihrem Münster machen, wie die Kölner mit ihrem Dom.

Seit etwa hundert Jahren müssen am Hauptturm im ersten Drittel laufend schadhafte Teile ersetzt werden. Die Fialen, das sind die unzähligen spitzen Ziertürmchen, drohen abzustürzen. Man hat sie bei einer schon im letzten Jahrhundert erfolgten Renovierung mit Eisendübeln zusammengefügt. Die Nässe hat die Dübel rosten lassen, und der Rost wiederum sprengt das Gestein.