Nach den Parlamentsferien kommt es zur Bewährungsprobe für die Stabilitätspolitik

Wie gut, daß unsere Politiker in Ferien sind. So ist im Augenblick die Gefahr gering, daß es zu einem Kurswechsel in der Konjunkturpolitik kommt. Zu einem Kurs-, Wechsel, der verhängnisvoll wäre: Wenn Bonn jetzt "Gas geben" sollte, würde die Inflation wieder auf Touren gebracht, ohne daß dadurch die Arbeitsplätze sicherer würden.

Die Pression auf die Verantwortlichen in Bonn und Frankfurt wird dennoch, von Woche zu Woche stärker. Gewerkschaftler, sozialdemokratische Politiker, auch Sprecher von Unternehmensverbänden fordern eine Lockerung der Bremsen. Sogar Franz Josef Strauß fordert "gezielte Hilfe" für einige Branchen.

Bisher hat Hans Friderichs keinen Zweifel daran gelassen, daß die Regierung den Restriktionskurs durchhalten will. Die Bewährungsprobe kommt freilich erst im Herbst. Nach dem Ende der Parlamentsferien, wenn der Wahltermin für Hessen und Bayern näher rückt, wird sich erweisen, ob Helmut Schmidt Kraft genug hat, seinem Wirtschaftsminister (und seinem Regierungsprogramm) die Treue zu halten.

Was Politiker und Gewerkschaftler beunruhigt, ist eine-Zahl: 491 000 Arbeitslose im Juli. Nie in den letzten zwölf Jahren waren soviele Menschen in der Bundesrepublik auf Stellungssuche wie heute. Und was schlimm ist: es werden von Monat zu Monat mehr. Mit 800 000 Arbeitslosen rechnet zum Beispiel CDU-Ministerpräsident Stoltenberg schon für den Herbst, eine Million erwarten viele Experten für den Winter.

Dem Kanzler wird der Satz zugeschrieben, ein sozialdemokratischer Regierungschef könne es "unter keinen Umständen dulden, daß wir eine Million Arbeitslose bekommen". Nun, man muß gewiß nicht Sozialdemokrat sein, um die Vorstellung unerträglich zu finden, daß mitten in einem hochentwickelten Wohlstandsland einer von zwanzig Menschen keine Beschäftigung findet. Auch wenn materielle Not heute kaum noch droht – die psychologische Belastung ist groß genug, vor allem für ältere Arbeitnehmer: da wird einer aus seinem Beruf herausgerissen, weiß nicht, wann und wo er eine neue Stellung findet und muß registrieren, daß die Aussichten sich von Woche zu Woche verschlechtern.

Im kommenden Winter droht größere Arbeitslosigkeit als in der Rezession 1966/67. Also ertönt immer lauter die Forderung: Bremsen lockern,Gas geben. Mit Diskontsenkung, deficit spending und Investitionsprogrammen hat doch seinerzeit Karl Schiller den Aufstieg aus der Talsohle in Rekordzeit geschafft.