Im schattigen Yellowstone / gibt es noch wenige Touristen / aus unserem Mütterchen Rußland. / Doch die Zeit läßt sich nicht zurückspulen: / Die von Aeroflot werden uns nach New York bringen ganz so wie im Taxi. / Auf daß die Freundschaft eine Schule der Weisheit werde / und keine prinzipienlose Kwasso-Cola...

Aus einem Gedicht von Jewgenij Jewinschenko, veröffentlicht in der sowjetischenin Regierungszeitung "Iswestija"

"Jahrestage" – über Jahr und Tag

Johnson-Leser müssen Geduld haben, nicht nur beim Lesen der Romane, sondern schon beim Warten auf sie: Nachdem Uwe Johnson vor einem Jahr den Plan seines großen Werkes "Jahrestage – Aus dem Leben von Gesine Cresspahl" von drei auf vier Bände erweitert hatte, kommt nun aus dem Suhrkamp Verlag die Nachricht, daß der vierte und letzte Band, der für diesen Herbst erwartet wurde, erst im nächsten Jahr erscheinen wird. Johnson ist "nicht fertig geworden". Verständlich, daß er sich nur schwer von Gesine und den etlichen Hundert seiner Gestalten aus Mecklenburg und New York trennen kann; und verständlich auch, daß gerade die letzten Eintragungen in diesem Tagebuch, das im August 1968 mit dem Einmarsch der "sozialistischen Bruder-Armeen" in die Tschechoslowakei enden wird, von einem so gewissenhaften Arbeiter wie Johnson immer wieder neu konzipiert werden.

Alfred Kantorowicz 75

Er wurde 1899 in Berlin geboren, promovierte 1923 zum Dr. iur., wurde als Nachfolger von Kurt Tucholsky Pariser Kulturkorrespondent der "Vossischen Zeitung", schrieb für die "Literarische Welt", die "Neue Rundschau", emigrierte als Kommunist sofort nach der Machtergreifung durch die Nazis, gründete in Paris den Schutzverband deutscher Schriftsteller im Exil und die Freiheitsbibliothek, die die im damaligen Deutschland verfemten Schriften sammelte, entkam 1941 aus einem französischen Internierungslager nach New York, war bei der CBS Direktor der Auslandsnachrichtenabteilung, kehrte 1946 nach Deutschland zurück, und zwar nach Ostberlin, wo er die Zeitschrift "Ost und West" herausgab, die nicht in den Kalten Krieg paßte und 1949 dem Verbot anheimfiel, wurde 1955 Direktor des Germanistischen Instituts der Humboldt-Universität, edierte das Werk seines Freundes Heinrich Mann, dessen Nachlaß es auch verwaltete – und bat 1957, nach dem Ungarn-Aufstand und mitten in der Arbeit an seinem "Deutschen Tagebuch", überraschend in Westberlin um politisches Asyl. Von der DDR als "Agent" beschimpft, mußte er in der Bundesrepublik neun Jahre lang um seine Anerkennung als politischer Flüchtling kämpfen – dem Land Bayern war er als Kommunist suspekt. Im September 1957 veröffentlichte die ZEIT seinen "Rechenschaft" betitelten Bericht, in dem er erklärte, warum er "das Atmen in dieser Sackluft der Lüge, der Roheit, Dummheit, Gewalttätigkeit" nicht mehr ertragen mochte. Der Westen hat es anderen prominenten DDR-flüchtigen Intellektuellen leichter gemacht als Alfred Kantorowicz, der am 12. August in Hamburg seinen 75. Geburtstag feierte.

Fall Offergeld