Man sagt "Alfreds" oder "die Sendung mit Alfred", nicht "die Tetzlaffs" oder gar "Ein Herz und eine Seele": Der rüde Stänkerzwerg hat sogar den Titel der Erfolgsserie an sich gerissen. Alfred per Bildschirm, Buch und Platte, im Wahlkampf und in Hochschulseminaren, in kritischen Fernsehsendungen und in Protesten: das Ekel hat die Nation erschüttert, wurde auf Titelseiten geboxt, bis nach Moskau hin als "faschistoider Typ" beschimpft und spendet nun auch noch von der Psychiatercouch seiner Gemeinde und seinen Gegnern Trost, Frieden und Absolution.

Es war ein absurder Vorgang: hohe Einschaltquoten und dürftige Reaktionen beim Publikum, während die Presse sich förmlich überschlägt und, schön isoliert von des Volkes wahrer Meinung, das Gerücht von des Volkes heimlichem Vorbild produziert. Die Presse, vom Fernsehen nicht eben verwöhnt mit geistvoller Satire und derber Zeitkritik, erhebt das reaktionäre Stinktier Alfred sofort zum heimlichen Identifikationsobjekt, zum geliebten "häßlichen Deutschen" und höchst gefährlichen Pantoffel-Hitler, der Leitbildqualitäten annehme und dessen Vorurteile grimmig lachend übernommen würden. "Alfred gibt Willy den Rest..." Während sich solchermaßen die ganze Fülle deutschen Tiefsinns und deutscher Urängste über die Figur ergießt, vergrößert die Mundpropaganda noch die Breitenwirkung und bleibt die verdutzte Gemeinde der Serie noch immer treu und findet das Ekelpaket noch immer lustig und reagiert noch immer mickrig bis gar nicht – und schließlich will der Westdeutsche Rundfunk (WDR) endlich wissen, was sein Publikum, nicht, was die Presse über Alfred denkt. So gibt er eine Umfrage in Auftrag.

Wirkt Alfred leitbildhaft, werden durch die Serie Vorurteile ausgelöst oder bestärkt, oder hat sie gar aufklärerische Funktionen? "Ein Herz und eine Seele" wurde "durch atypisch reagierende Zuschauer überdimensional hochgespielt", beruhigt das Kölner "Institut für empirische Psychologie" den Sender und rüffelt die Kritik; Alfred wurde von 85 Prozent der Zuschauer als Karikatur und relativ originelle, "nicht ernst zu nehmende Witzfigur" erlebt, die Serie als Familien- und Unterhaltungssendung, zwar "grob" und "übertrieben", aber durchaus "amüsant" und "mal was anderes" und eine "gute Satire". Nur die kleine Gruppe der Ablehner (die dickleibige Schrift des Kölner Instituts spricht von "mehr ‚intellektuell-rationalen‘ Personen") findet Alfred abstoßend und ordinär, volksverdummend, primitiv, undemokratisch und, wie gesagt, gefährlich "als Vorbild für andere".

Für andere, das meint: für das breite Publikum. Das aber, offenbar humorvoller und toleranter als die überbesorgten Kritiker, erkennt in dem notorischen Nörgler und Muffler "ein Bündel von Negativeigenschaften", von dem "ein bißchen in jedem von uns" stecke. Allein eine kleine Gruppe von Zuschauern über 65 Jahren sympathisiert denn auch offen mit Alfreds Ansichten über autoritäre Erziehung, Gleichberechtigung, Minderheiten und Linke.

Die Untersuchung, unter Zeitdruck erstellt und wegen der Computer-Auswertung der Fragebögen auf Jas, Neins und Kreuzchen beschränkt, formuliert ihre Ergebnisse etwas einseitig im Sinne des Auftraggebers. Der mußte inzwischen die Einstellung der Serie zum Jahresende bekanntgeben, weil die Schauspieler andere Verpflichtungen eingegangen seien. Viel Lärm um nichts also? Eine Wiederaufnahme von "Ein Herz und eine Seele" von 1976 an, tröstet der WDR das Fernsehvolk, werde erwogen.

Hinter den vornehm-offiziösen Mitteilungen und der falschen Zuversicht verbirgt der Sender nur schwer seinen Kummer: Die vier Tetzlaff-Schauspieler sind nämlich nicht nur untereinander zerstritten, sie fürchten auch um ihr Image und ihre Betätigungsmöglichkeiten außerhalb der populären Serie; wer zu lange eine "dusselige Kuh" war, könnte eines Tages in einer seriösen Rolle unglaubhaft werden. Höchste Zeit also für die letzten Gegner, ihren Frieden mit dem geliebten Scheusal Alfred zu machen. Wolf Donner