Von Kurt Wendt

Während die Zahl der Pleiten in der Bundesrepublik wächst, die Arbeitslosenquote zunimmt, der Export erste Ermüdungserscheinungen zeigt und sich die Kreditinstitute gegenseitig mit Hilfe der Bundesbank über gefährliche Liquiditätslöcher hinweghelfen müssen, gibt es in den deutschen Börsensälen überwiegend zufriedene Gesichter. Große Fonds und Versicherungen haben in den ersten Augustwochen mit der Verstärkung ihrer Aktienportefeuilles begonnen; der risikofreudige Teil der Bankenkundschaft ist ebenfalls mit von der Partie.

Dabei hält man das jetzt noch in den deutschen Aktien steckende Kursrisiko für äußerst gering. Natürlich ist den Börsianern nicht wohl bei dem Gedanken, daß an fast allen Weltbörsen die Kurse fallen, die Londoner Börse dem Zusammenbruch nahe ist, und nur der deutsche Aktienmarkt eine Insel der Stabilität darstellt. Wie lange, so fragt man sich besorgt, können sich deutsche Aktien dem weltweit schwachen Trend entziehen?

Die Optimisten klammern sich dagegen an zwei. Faktoren: Das ist einmal die konjunkturelle Situation, gekennzeichnet dadurch, daß die Bremsen endlich zu greifen begonnen haben und in Teilbereichen bereits eine heilsame Abkühlung eingetreten ist. Da Börsianer jedoch nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft "handeln", nimmt man die zu erwartenden "Wiederbelebungsmaßnahmen" von Bundesregierung und Bundesbank in den Kursen vorweg. Auch 1966/67 begann die Börse mit einem Frühstart, lange bevor die "Pferde zu saufen anfingen", wie es im damaligen Konjunkturjargon hieß. Was sich unter der Führung des damaligen Wirtschaftsministers Schiller und des Finanzministers Strauß abspielte, wird sich 1974/75 unter Friderichs und Apel wiederholen, meint man an der Börse.

Sicherlich, das ist eine Spekulation, allerdings eine mit der Aussicht, auch aufzugehen. Ob das mit dem zweiten Hausse-Faktor im gleichen Maße zutrifft, steht auf einem anderen Blatt. Gemeint ist, ob die Milliarden der Ölförderländer wirklich in einem solchen Umfang in die deutsche Industrie fließen, daß die Aktien der betreffenden Unternehmen zu einem Höhenflug ansetzen. Die Äußerung von Bundeswirtschaftsminister Friderichs, wonach der Fall Krupp erst den Beginn der Kooperation mit den Ölmilliardären darstellt, hat die Spekulanten aufhorchen lassen. Der Kurs der Aktien der Krupp Hüttenwerke stieg innerhalb von zwei Tagen um rund 30 Prozent; aber nur wenige besaßen Krupp-Aktien. "Beim nächstenmal wollen wir dabeisein", nahmen sich die Börsianer vor. Sie begannen damit, die einzelnen deutschen Gesellschaften auf die Möglichkeit einer iranischen oder arabischen Kapitalbeteiligung abzuklopfen. Wo gerade geklopft wird, ist an den Aktienkursen der betroffenen Gesellschaften ziemlich deutlich abzulesen.

So sind wohl die Sonderbewegungen bei Mannesmann, bei der Dresdner Bank, beim Volkswagenwerk und bei einigen Maschinenbau-Aktien zu erklären. Der Phantasie sind in diesem Falle keine finanziellen Grenzen gesetzt. Bezahlen könnten die Araber alles. "Deutschland ist für uns ein ausgezeichneter Investitionsplatz, auf dem wir uns mit unserem Kapital gezielt bewegen, werden", hat der saudiarabische Ölminister Yamani bei einem Aufenthalt in der Bundesrepublik gesagt. "Gezielt" läßt doch wohl den Schluß zu, daß nicht an eine Anlage nach schlichten Renditegesichtspunkten gedacht ist. Denn mit der Rendite ist es bei deutschen Aktien dank hoher Steuern und hoher Zinsen schlecht bestellte

Die Ölländer werden mehr wollen als eine Kapitalverzinsung, auf die sie ohnehin nicht angewiesen sind. Sie sind auch klug genug, sich nicht als heimliche Aufkäufer zu betätigen, um auf diese Weise vielleicht eines Tages Großaktionär in einem maßgebenden Chemie-Unternehmen zu werden. So heimlich kann sich auf dem deutschen Aktienmarkt niemand bewegen, außerdem: Sollte eine Großbank merken, daß sich bei ihr eine unerwünschte Paketbildung vollzieht, wird sie Gegenmaßnahmen treffen, wahrscheinlich unterstützt durch andere große Institute. Denn alle hätten ein Interesse daran, nicht eines Tages gegen ein Institut antreten zu müssen, dessen Hauptaktionär Milliarden im Rücken hat und sich zur Erreichung seiner Ziele nicht an die üblichen Spielregeln zu halten brauchte.