Von Lothar Ruehl

Seit dem blutigen Weihnachten 1963 lag Zypern als politische Mine im Fundament der Atlantischen Allianz. Nach zehn Jahren ist sie explodiert. Die Detonation hat das Bündnis erschüttert, Griechenland vom Militärverband abgesprengt, eine Kluft zwischen der Türkei und Europa aufgerissen.

Ein Bruch an der Südostflanke des Nato-Militärsystems drohte schon 1964 – allerdings in der Türkei. Damals erklärte Präsident Johnson dem Premierminister General Ismet Inönü in einer schriftlichen Botschaft, Amerika würde jede Rüstungs- und Wirtschaftshilfe an die Türkei sperren und ihr außerdem den Bündnisschutz gegen äußere Bedrohungen entziehen, falls sie ihre angedrohte Truppenlandung auf Zypern wahrmachte. Eine Invasionsflotte, die schon auf dem Wege war, wurde daraufhin zurückbeordert.

Johnsons Drohung bewirkte die erste tiefe Erschütterung des Bündnisfundaments in der Türkei, ermutigte den panhellenischen Nationalismus in Griechenland wie in Zypern und nahm jeden wirksamen Druck von der Regierung Makarios, den vertraglichen Verfassungszustand zu restaurieren. Vor allem aber leitete sie die Neuorientierung der türkischen Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion ein. Die Sowjets quittierten dies mit einer Schwenkung ihrer eigenen Politik von der Förderung griechischer Interessen zu einer diplomatischen Ouvertüre gegenüber Ankara.

Das größere sowjetische Interesse an der Türkei ist – ganz wie die amerikanische Politik der letzten Wochen – in deren geographischer Lage und Größe begründet. Das Land mit der souveränen Kontrolle über die Meerengen, mit der 1380 Kilometer langen Schwarzmeerküste und modern ausgebauten Häfen, mit Groß-Radarstationen bei Sinop, Samsun und Trabzon, von denen aus weiträumige Funk-, Luft- und Seeaufklärung bis nach Südrußland betrieben werden kann, hält die geostratetische Riegelstellung zwischen der Sowjetunion, dem Mittelmeer und dem Nahen Osten.

Der militärischen Empfindlichkeit Westeuropas im Mittelmeerraum entspricht eine gleichartige Empfindlichkeit der Sowjetunion im Schwarzen Meer. Die Ausdehnung der westlichen Luftraumüberwachung und Beobachtungsnetze auf die Türkei mit Auffangfächern nach Norden, Osten und Süden gibt den Verbündeten der Türkei unaufwiegbare Ausgangsvorteile bei der Aufklärung im Kriegsfall für Abwehr und Angriff mit schnellen Kampfflugzeugen und Flugkörpern einer Reichweite unter 1000 Kilometer.

Die Türkei aus dem Nordatlantikpakt zu lösen, die amerikanische See- und Luftmacht mit den Flugzeugträgern der 6. Flotte so weit wie möglich nach Westen abzudrängen und dem östlichen Mittelmeer fernzuhalten, ist deshalb seit langem ein fundamentales strategisches Interesse der Sowjetunion. Die Türkei und die auf sie abgestützte amerikanische Militärpräsenz im östlichen Mittelmeer behindern ihre strategische Machtentfaltung im Mittelmeer und hin zum Persischen Golf. Sie stützen die Selbständigkeit des Iran und den Aufbau einer iranischen Militärmacht regionaler Aktionsfähigkeit.

Der sowjetischen Politik bot der Zypernkonflikt zugleich eine Chance und ein hohes Risiko. In den Jahren 1964/67 störte er das türkischamerikanische Verhältnis empfindlich. Seither hat die Türkei auf amerikanischen Einfluß in Krisen immer wieder allergisch reagiert. Die Schiffe der 6. Flotte meiden die türkischen Häfen, obwohl sie in den letzten beiden; Jahren einzeln kurze Besuche machten. Im Oktober 1973 gestattete die Türkei sowjetischen Aeroflot-Transportflugzeugen mit Kriegsmaterial für Syrien den Überflug, ohne die Flüge der Nato zu melden oder die Radarinformationen der NADGE-Anlage für Luftverteidigungsführung an die Nato weiterzugeben. Sie sperrte die amerikanisch-türkischen Luftstützpunkte für die Benutzung zu Flügen nach Israel. In der vergangenen Woche hat sie diese Flugplätze wiederum gesperrt.

Das Risiko, das der Zypernkonflikt für die Sowjetunion birgt, ist mit der türkischen Invasion deutlich geworden: eine Teilung der Insel, die eine türkische Zone für die direkte militärische Nutzung durch Ankara und Washington verfügbar machen könnte. Ein zweites Risiko war ebenfalls in jüngster Zeit zu erkennen: daß die sowjetischen Interessen an der Türkei in Widerspruch zu denen an Griechenland treten. Ein solcher Zielkonflikt wäre das Spiegelbild des Dilemmas, in dem Amerika und die Nato sich zwischen Ankara und Athen befinden.

Das Atlantische Bündnis, das sich jahrelang wegen eines möglichen Absprungs der Türken Sorgen gemacht hat, muß es nun erleben, daß die Griechen der Allianz die kalte Schulter zeigen. Die Herauslösung der griechischen Streitkräfte aus der Nato-Verfügung (die ja im Frieden keinerlei internationale Kommandogewalt über nationale Streitkräfte begründet) wäre zu verkraften, solange ein Minimum an militärischer Zusammenarbeit zwischen dem europäischen Nato-Oberkommando SHAPE und dem griechischen Oberkommando aufrechterhalten würde. Ein solches Minimum müßte die ungeminderte Funktion der Radaranlagen, Relaisstationen, Rechenzentren und Dateninformationsübermittlung der technischen Nato-Luftverteidigungsführung (NADGE), die Verfügbarkeit aller der Nato geöffneten Flugplätze, Depots und Häfen sichern.

Noch weiß niemand, ob und unter welchen Bedingungen Griechenland in den Nato-Militärverband zurückkehren würde. Eine Hoffnung übrigens, der sich Frankreich nicht angeschlossen hat. Auch ist unklar, ob Athen bereit ist, ein Minimum an militärischer Zusammenarbeit zu erhalten; diese Bereitschaft ist wohl die Voraussetzung einer weiteren Militärhilfe der Nato-Staaten. Ohne solche Hilfe und ohne Verstärkungen im Kriegsfall könnte Griechenland sich nicht verteidigen, ja nicht einmal seine Streitkräfte in ihrem heutigen Umfang ausrüsten, ausbilden, einsatzbereit halten.

Griechenland ist für die Präsenz der 6. Flotte im östlichen Mittelmeer wie für die Deckung der Süd-Ostflanke der Nato unerläßlich. Solange Piräus als Heimathafen für ein Drittel der 6. Flotte mit 6500 Mann zur Verfügung steht, erhöht sich die Präsenzzeit der Träger auf Seestation um 28,5 Prozent. Die anderen Häfen, Saloniki und Suda Bay in Kreta, die Flugplätze und die Anlaufstationen auf den Inseln tragen zur Versorgung und damit zur Beweglichkeit wie zur Sicherung der Nato-Flottenverbände im östlichen Mittelmeer bei. Ginge diese Basis verloren, so würde es viel kostspieliger und mühsamer, aber auch unsicherer, größere Flottenverbände im östlichen Mittelmeer zu unterhalten – es sei denn, sie könnten sich auf die türkischen Häfen abstützen.

Zudem deckt Griechenland mit seiner Armee in Thrazien nicht nur den Weg nach Kavalla, sondern auch die Dardanellen-Bosporus-Durchfahrt nach Nordwesten ab. Damit sichert es auch die westliche Flanke der türkischen Armee, die den Bosporus und Istanbul zu schützen hat. Die griechische Festlandsgrenze ist 1200 Kilometer lang. Sie kann trotz guter Geländeverhältnisse im Westabschnitt gegenüber Jugoslawien von einer Armee mit maximal 300 000 Mann nach der Mobilmachung nicht gehalten werden. Der Mangel an räumlicher Tiefe – die Entfernung von der Nordgrenze zur Küste beträgt im Osten nur etwa 45 Kilometer Luftlinie – läßt der Verteidigung wenig Zeit und keine Beweglichkeit. Der Nachschub ist unmittelbar exponiert. Ohne den Rückhalt in einem Bündnis wie der Nato, ohne direkte nuklear-strategische Deckung durch die amerikanische Militärmacht, ohne Versorgung und Verstärkung aus dem Mittelmeer von Europa her und ohne engste Tuchfühlung mit der türkischen Armee wäre eine Verteidigung Griechenlands im Osten ausgeschlossen, und zwar schon gegen eine begrenzte Offensive aus Bulgarien.

Bleibt Griechenland bei seiner Abkehr vom Nato-Militärverband, kündigt es auch die US-Stützpunkte auf, so müßte die Athener Außenpolitik früher oder später die Konsequenzen aus der militärischen Isolierung ziehen und auf eine Neutralität oder sogar Annäherung an Osteuropa zusteuern. Gewiß, die Benutzung von Häfen und Flugplätzen durch die westlichen Verbündeten kann im Frieden den innenpolitischen Bedingungen angepaßt werden. Ihr praktischer Nutzwert ist außer in Krisen relativ – und es. gäbe da Ausweichmöglichkeiten, wenngleich sie weniger günstig sind. Aber die Ausschließung der Verbündeten als Folge eines Solidaritätsbruchs, etwa wegen antiamerikanischer Stimmung im Lande, würde der Bündnispolitik die Basis entziehen.

Eine griechische Neutralität würde nicht nur die nordatlantische Allianz und die Vereinigten Staaten vor Probleme stellen; sie würde die Sicherheitslage der Türkei, Jugoslawiens, Albaniens und Italiens unmittelbar verändern. Einerseits hat Jugoslawien seine bewaffnete Neutralität auf die Existenz der Nato und auf Griechenlands Mitgliedschaft gestützt; sie ist strategisch unselbständig, an fremde Militärmacht angelehnt. Anderseits könnte die Ausdehnung der jugoslawischen Neutralität auf Griechenland deren sicherheitspolitischen Wert vergrößern. Auf jeden Fall schüfe eine Abwendung Athens von der Atlantischen Allianz und von Amerika für Jugoslawien völlig neue Bedingungen; seine Neutralität müßte dann auf ihren Realitätsgehalt geprüft werden.

Schwerwiegend wäre Griechenlands Neutralisierung auch für die Türkei, die danach ihrer direkten Verbindung zum Nato-Europa beraubt wäre. Würde sie sich desto fester an die Vereinigten Staaten binden – oder würde sie Sicherheit durch intensivere Pflege der Beziehungen zur Sowjetunion suchen? Würde die alte Neutralitäts-Option der türkischen Außenpolitik verwirklicht und Amerika also zwei Verbündete nacheinander verlieren – alles wegen Zypern und der wiedererwachten Feindschaft zwischen Griechen und Türken?