Aus der Bundesregierung hörte man während der letzten Tage erstaunlich wenig zum "Fall" Herstatt/Gerling. Das hat zwei Gründe: Staatssekretär Karl Otto Pöhl vom Bundesfinanzministerium befindet sich im Urlaub; der parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, der Kölner Gerhard Rudolf Baum, wurde vom Bundeskanzler zurückgepfiffen. Sein Minister Werner Maihofer mußte ihm die Order Helmut Schmidts überbringen, der befürchtet, daß allzu lautes Gerede noch größere Unruhe in der Öffentlichkeit nach sich ziehen könnte.

Noch vor einem Jahr mußten zahlreiche Sozialmieter in der Bundesrepublik fürchten, daß ihnen ein nicht mehr verdientes Privileg verloren geht. Denn damals sprach man in Bonn noch über die Möglichkeit einer Fehlbelegungsabgabe für jene Insassen öffentlich subventionierter Wohnungen, deren Einkommen im Laufe der Zeit erheblich über die gesetzlich festgelegte Obergrenze für den Einzug in Sozialwohnungen geklettert ist.

Doch jetzt können sie wieder ruhig schlafen. Hans Jochen Vogel, der solche Pläne verfolgt hatte, hat das Amt des Städtebauministers gegen das des Justizministers eingetauscht. Sein Nachfolger Karl Ravens hat sich der schwierigen Aufgabe schlicht dadurch entledigt, daß er alle entsprechenden Pläne in den Schubladen seines Hauses verschlossen hat. Ravens, bescheiden wie er ist, freut sich schon darüber, daß seit Beginn dieses Jahres die Gemeinden ein Vorschlagsrecht für die Wiederbelegung freiwerdender Sozialwohnungen besitzen.

Da, wie Ravens selbst schätzt, jährlich etwa 100 000 bis 120 000 der 4,3 Millionen Sozialwohnungen freiwerden, dürften selbst im günstigsten Fall noch viele Jahre ins Land gehen, ehe wirklich nur Bedürftige in den Sozialwohnungen leben.

Post- und Verkehrsminister Kurt Gscheidle will sich Anfang September mit der Spitze der Bundesbahn, angeführt von Bahnpräsident Wolf gang Vaerst, treffen, um die desolaten Finanzen dieses zweitgrößten Bundesunternehmens zu erörtern. Eine wichtige Rolle dürfte bei diesem Gespräch die Zukunft des Stückgutverkehrs spielen. Regierungsmitglieder hatten in letzter Zeit wiederholt kritisiert, daß der Stückgutbereich zwar zehn Prozent der Bahnbeschäftigten binde, aber nur ein Prozent des Umsatzes und zugleich mehr als ein Drittel aller Bundesbahnverluste erbringe.

Vaerst selbst hatte, bald nach seinem Wechsel aus dem Bundesverkehrsministerium an die Spitze der Bahn, den "Plan 400" entwerfen lassen, nach dem von den derzeit tausend Stückgut-Bahnhöfen in der Bundesrepublik am Ende des Jahres 1976 nur noch 400 übrig bleiben sollen. Bis jetzt ist aber noch kein einziger dieser Bahnhöfe stillgelegt vorden.