Von Erwin Lausch

Kinderärzte und Lehrer trafen sich kürzlich in Mainz zu einem gemeinsamen Symposion. Das sollte kaum vermerkenswert sein, da doch die Bemühungen beider, des Pädiaters wie des Pädagogen, derselben Zielgruppe gelten – den Kindern. Doch die Tagung war eine Besonderheit, und die zwei Dutzend Vertreter teils pädagogischen, teils medizinischen Sachverstandes, die sich in Mainz versammelten, um über "Erfordernisse und Probleme der Kooperation zwischen Ärzten und Pädagogen" zu sprechen, freuten sich, daß nun ein Anfang gemacht worden sei.

Den Anstoß für die Tagung hatten die "Empfehlungen zur pädagogischen Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher" gegeben, die von der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates im Oktober vergangenen Jahres verabschiedet wurden. Was die Kommission zur Förderung behinderter Kinder empfahl, bedeutet teils eine Abkehr von bisher propagierten Prinzipien, teils eine enorme Ausweitung der Sonderpädagogik. Wurde bislang eine abgesonderte pädagogische Betreuung behinderter Kinder für richtig gehalten, so sollen behinderte Kinder künftig in den normalen Schulbetrieb integriert werden. Sonderschulen sollen den Regelschulen angeschlossen werden.

Überdies soll die Förderung behinderter Kinder viel früher als bisher beginnen, unmittelbar nachdem die Behinderung festgestellt worden ist. Dazu bedarf es freilich intensiver Bemühungen, Behinderungen sehr früh im Leben zu erkennen und – bei Lern- und Verhaltensstörungen – schon die Gefahr eintretender Behinderungen auszumachen. Um die Voraussetzungen für einen engen Kontakt zur Bevölkerung zu schaffen und alle erforderlichen Förderungsmaßnahmen kurzfristig und ohne lange Wege einleiten zu können, regte die Bildungskommission an, "Zentren für pädagogische Frühförderung" einzurichten. Ein Zentrum für rund 200 000 Einwohner.

Prinzipiell ist bei den Sozialpädiatern weder die Forderung nach Integration noch der Ausbau der Frühförderung umstritten. Mißtrauen schien den Kinderärzten jedoch gegenüber der Fähigkeit der Pädagogen angebracht, die gut gemeinten Pläne zu realisieren, ohne daß die Kinder schwerwiegende Schäden erleiden.

Denn wie auch Eltern aus bitterer Erfahrung wissen, neigen Bildungspolitiker dazu, Zukunftsvisionen in Pläne zu fassen, bevor überhaupt die Ausführbarkeit ausreichend erprobt worden ist. Den Kinderärzten, die eine naturwissenschaftliche Ausbildung erhalten, ist ein derartiges Vorgehen unbegreiflich. Ihnen erscheint es viel zweckmäßiger, zuerst Untersuchungen anzustellen und dann nur solche Pläne auszuarbeiten, die durch Untersuchungsergebnisse abgesichert sind. Die unwissenschaftliche Ungeduld in der Bildungspolitik hat den Ärzten eine Fülle von Kindern mit Problemen, die auf Schulschwierigkeiten zurückgehen, in die Praxen geschwemmt.

Wenn sich jedoch der freischwebende Reformeifer schon auf anfänglich unauffällige Schulkinder so ungünstig auswirkt, mußten die Ärzte noch Schlimmeres für behinderte Kinder und ganz besonders für die kleinen Kinder befürchten, die nun ins Fadenkreuz pädagogischen Strebens gerückt worden waren. Nach den Entwicklungsgesetzen des Gehirns und auch nach vielfältigen Beobachtungen in der Praxis fallen pädagogische Fehlgriffe um so stärker ins Gewicht, je jünger ein Kind ist.