Düsseldorf

Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen findet im Mai 1975 statt, die Spitzenkandidaten stehen aber schon unwiderruflich fest: Heinz Kühn (SPD), Heinrich Köppler (CDU) und Horst-Ludwig Riemer (FDP). Die Union hatte noch im letzten Augenblick überlegt, ob Rainer Barzel in Düsseldorf antreten sollte, dort, wo er vor fast 30 Jahren seine politische Laufbahn begonnen hatte: doch der Kanzlerkandidat von 1972 winkte gleich ab. Hinter verschlossenen Türen wurde auch eine Berufung Biedenkopfs ins Auge gefaßt. Der fixe CDU-Generalsekretär, früher Rektor der Bochumer Universität, dann Manager in einem Waschmittelkonzern, ist jedoch bei aller Brillanz ein für das Ruhrgebiet ungeeigneter Kandidat: Heinrich Köppler kommt hier besser an.

Ob dies Horst-Ludwig Riemer gelingen wird, der jetzt die FDP-Liste anführt, nachdem Willi Weyer seinen endgültigen Rückzug aus der Politik für das Frühjahr 1975 verkündet hat, bleibt abzuwarten. Für Weyers Innenministeramt, das die Liberalen wieder besetzen möchten, haben sich Männer wie Gerhart Baum (Köln) und Burkhard Hirsch (Düsseldorf) qualifiziert.

Heinz Kühn kann – wie die FDP – auf Bonner Hilfe zählen. Parteichef Willy Brandt, der in Nordrhein-Westfalen bei allen Bundestagswahlen seit 1961 kandidiert und die zerstrittene SPD wieder zur Räson gebracht hat, steht nach wie vor am höchsten in der Gunst der nordrhein-westfälischen Wähler. Die Demoskopen nennen zudem "Landesvater" Kühn als nahezu einsamen Spitzenreiter auf der Wertskala landespolitischer Prominenz. Der Run auf die Plätze in der Wahlmannschaft hat schon eingesetzt; die SPD-Verbände präsentieren Lokalmatadore, von denen kaum einer ministrabel scheint.

Der Kampf um einen Platz an der Sonne wurde durch vorzeitig bekanntgegebene Rücktrittsabsichten sozialdemokratischer Kabinettsmitglieder heraufbeschworen. Finanzminister Hans Wertz sucht "ein neues berufliches Erfolgserlebnis". Gesundheitsminister Werner Figgen fühlt sich nicht mehr gesund und möchte "in den Kreis der Familie heimkehren". Wissenschafts- und Forschungsminister Johannes Rau forschte in der SPD-Fraktion, ob er nicht im Falle einer SPD-Wahlpleite wieder Fraktionschef werden könnte – ein Amt, das er zwischen 1966 und 1970 gut, gleichwohl unter Schmerzen, geführt hat, weil ihn der Minister-Ehrgeiz plagte.

Das endlose Gerede über Amtsmüdigkeit in der Regierung spornte den 62jährigen Kühn zu dem nicht mehr erwarteten Versprechen an, im Falle des Sieges gar bis 1980 Ministerpräsident zu bleiben. Sein CDU-Rivale Heinrich Köppler meinte daraufhin, er wünsche Kühn ein langes Leben: "Schon deswegen darf er nicht bis 1980 regieren."

Die Union muß ihren Angriff auf wenige Schwerpunkte der Landespolitik konzentrieren, um so den fast unangreifbaren SPD-Spitzenkandidaten zu unterlaufen. "Girgensohn muß weg", soll eine Parole heißen. Sie gilt dem Kultusminister, der wie alle Kollegen unter Schulraumnot, Lehrermangel, Experimentier-Serien und Torheiten der Bürokratie leidet und für linke Umtriebe an den Schulen verantwortlich gemacht wird.