Von Nina Grunenberg

Der Arbeitsamtsdirektor von Emden heißt Günther Dorsch und ist Schwabe. Nach Ostfriesland hat es ihn verschlagen, weil er die Schiffsbaubranche kennenlernen wollte. Emden ist der Haupteinfuhrhafen für Erze und der Hauptausfuhrhafen für VW. Außerdem gibt es vier Werften. Doch besser als den Schiffsbau lernte Arbeitsamtsdirektor Dorsch in der Nordwestecke der Bundesrepublik die Arbeitslosigkeit kennen. "In den letzten drei Jahren", sagt er, "ist das Barometer langsam hochgestiegen."

Mit einer Arbeitslosenquote von 5,2 Prozent liegt Günther Dorschs Bezirk – außer Emden gehören die Städte Aurich, Norden, Wittmund dazu, ein Teil des Landkreises Leer und die ostfriesischen Inseln mit Ausnahme von Wangerooge, das zu Wilhelmshaven gehört – heute an der Spitze in der Bundesrepublik (Durchschnittsquote 2,2 Prozent).

In einem Memo für den Vortrag eines Vorgesetzten in der Landeshauptstadt Hannover, der um Gedächtnisstützen gebeten hatte, erklärte der Arbeitsamtsdirektor von Emden das so: "Nach einer Untersuchung der Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg zählt Ostfriesland zusammen mit den Regierungsbezirken Niederbayern und Trier zu den wirtschaftlich schwächsten Gebieten der Bundesrepublik. Von den wesentlichsten Kriterien für strukturschwache Gebiete trafen für Ostfriesland als einzigem im Bundesgebiet alle zu: Geringes Bruttoinlandsprodukt, geringe Bevölkerungsdichte, hoher Geburtenüberschuß, beträchtlicher negativer Wanderungssaldo, geringe Industriedichte, hohe Agrardichte, geringe Realsteuerkraft und hohe Arbeitslosenquote."

5,2 Prozent Arbeitslose im Monat Juli: das sind 4674 Menschen, davon 2894 männlich und 1780 weiblich. Aber seit die Landwirtschaft nicht mehr hält, was sie noch vor fünfzehn Jahren versprach, gab es immer Arbeitslose unter den Ostfriesen: Zu Zeiten guter Konjunktur war das Minimum 1,9 Prozent oder 1500 Menschen, 800 Männer, der Rest Frauen. "Und davon hätte ich in einem Großstadtbezirk immer noch die Hälfte unterbringen können als Nachtwächter, als Pförtner, in der Handtuchausgabe, zum Toilettenreinigen. Aber auf dem Lande gibt es solche Jobs nicht." Die geringste Arbeitslosenquote hatten sie im Jahre 1962. Richard Helling, Statistiker im Arbeitsamt Emden und geborener Ostfriese, erinnert sich immer noch gern daran: "Da hatten wir die Sturmflut, und alle ungelernten Arbeiter saßen auf den Deichen und verstärkten sie per Handarbeit."

Günther Dorsch und seine Mitarbeiter – die Emdener Arbeitsverwaltung hat einen Apparat von 250 Leuten mit sechs Nebenstellen – sind kompetente, erfahrene Manager der Arbeitslosigkeit, die bei 5,2 Prozent immer noch gelassen bleiben. In dem Klinkerbau, 200 Meter hinter dem Bahndamm von Emden, herrscht Ordnung, die Gänge sind leer, Schalter sind nicht zu sehen, kein Hauch von Drama, Elend oder Armut, nicht einmal ein Arbeitsloser in Sicht.

Auf die Frage, wo die Arbeitslosen denn seien, lachen die Beamten amüsiert: "Das ist nicht mehr wie 1930", sagt der Statistiker Helling. "Schlangen gibt es nicht mehr. Es gibt ja auch keine Meldekontrolle mehr. Es wird nicht mehr gestempelt. Das Arbeitslosengeld wird per Bank überwiesen. Wenn wir eine Stelle haben, bekommt der Arbeitsuchende eine Einladung, oder wir rufen ihn an, damit er vorbeikommt. Der 2. Januar ist der einzige Tag, an dem Sie hier Arbeitslose en masse sehen können." Wieso? "Weil kleinere und mittlere Betriebe, zum Beispiel in der Bauwirtschaft, ihre Leute entlassen, sobald die Lohnausgleichszahlungen für die Feiertage eingestellt sind."