Von Sepp Binder

Er fühlte sich der Poesie stärker verpflichtet als den Parteien. Trotzdem stellten weder SPD noch CDU noch FDP dem Parteilosen je einen Oberbürgermeisterkandidaten entgegen: Arnulf Klett steuerte Stuttgart mit Versen und mit Verve, mit Fliege, Fleiß und schwäbischer Schläue durch drei Jahrzehnte. Unter den deutschen Oberbürgermeistern war der Jurist und Pfarrerssohn zuletzt der Dienstälteste.

Er herrschte so eigenwillig wie erfolgreich. Er machte nach 1945 die Mercedes-Metropole zur ersten trümmerfreien Stadt – und hatte dennoch ein Vierteljahrhundert später noch immer kein städtisches Altersheim bauen lassen; er kämpfte für Wohnungsbau und Wirtschaftskraft – doch seinen besten Stadtplaner vergraulte er nach Hamburg.

Skandale hatten ihn mitunter kräftig gebeutelt. Seine "verwaltungsmäßige Fehlleistung von ungewöhnlichem Ausmaß", so rügte Ministerpräsident Reinhold Maier im Jahre 1950, kostete die Stuttgarter Girokasse in der "Bürkle-Kredit-Affäre" sechs Millionen Mark, seinem Amtssalär jahrelang kräftige Regreßabzüge. Über einen Perserteppich von Daimler-Direktoren zum Klett-Geburtstag schritt Stuttgarts Staatsanwaltschaft wenig später zum Ermittlungsverfahren wegen passiver Bestechung. In einem Rattenschwanz von Verfahren zog der Recke im Rathaus alle Rechtsregister bis hin zur Verfassungsbeschwerde und blieb letztlich obenauf. Auch die Stuttgarter verziehen ihrem leutseligen Lokalpatrioten alles: Das "Rößle" hat seinen Reiter nie abgeschüttelt. Wahlen gewann er leichter als Prozesse.

Doch Männer seines Schlages treten ab, ihre Ära geht zu Ende. Klett und Weichmann, Vogel, Möller und Kaisen prägten ihre Städte als barocke Bürgermeisterfiguren, souverän, risikofreudig und einflußreich. Die Steinsche Städteordnung von 1808 war nicht nur eine Grundlage für den Wiederaufstieg Preußens; mit dem Dualismus von Staat und Gemeinde brachte sie zugleich mächtige Stadtväter hervor: Zwischen kommunalem Autonomiestreben und staatlichen Aufsichtsrechten gewannen die Oberbürgermeister persönliches Profil und politische Bedeutung: Einflußreich die starke Oberbürgermeisterfraktion im Herrenhaus bis 1918, erfolgreich die Weimarer Rathausriege von Adenauer (Köln) über Geßler (Nürnberg) und Jarres (Duisburg) bis hin zu Luther (Essen) und Lehr (Düsseldorf).

Das Selbstverständnis der Oberbürgermeister ist seitdem brüchig geworden, die kommunale Selbstverwaltung ausgehöhlt. Die Rathauspolitik hat längst Abschied genommen vom überschaubaren Stadtbild eines Matthäus Merian. Der städtische Entwicklungsprozeß wuchert uferlos und sprengt die traditionellen Gemeindegrenzen ebenso wie die herkömmliche Kommunalverfassung. Immer rascher wachsen gesellschaftliche Probleme in den kommunalen Bereich hinein. Die Stadt wird zum Kampfplatz der Konflikte: Lärm und Luftverschmutzung, öde Stadtkerne und Gastarbeitergettos sind gleichwohl durch Rathausentscheidungen nicht mehr zu beheben.

Die kränkelnden Kommunen brauchen deshalb neue Grundlagen, wenn sie sich gegen staatliche Bevormundung ebenso behaupten sollen wie gegen den imperativen Druck partikularer Interessengruppen.