Von Theo Sommer

Die Starken tun, was sie können; die Schwachen tun, was sie müssen – so verkündeten es die Botschafter Athens im Peloponnesischen Krieg den bedrängten Meliern. Es ist dies seit jeher die Einstellung der Mächtigen gewesen. Noch in jüngster Zeit sind jene, die sich überlegen fühlten, danach vorgegangen: die Sowjets in der Tschechoslowakei, die Inder in Ostpakistan, die Israelis in den besetzten Gebieten, die Ägypter am Suezkanal. Und jetzt die Türken auf Zypern.

Die zypriotische Krise hat aufs neue verdeutlicht, daß das nukleare Gleichgewicht zwischen den Supermächten wohl den großen Weltkonflikt verhindert, daß es aber kleine, schnelle Kriege, brutal begonnen und rasch zum Abschluß gebracht, eher begünstigt. Die Vorsicht der Großen ermuntert den Übermut der Kleinen. Die ganz Kleinen bleiben dabei auf der Strecke. Es läßt sich dies hinnehmen, weil doch nichts daran zu ändern ist, solange es sich fernab des eigenen Daseinskreises ereignet. Es schmerzt, wenn es sich in der kommunistischen Nachbarschaft vollzieht wie 1968 in Prag, muß jedoch auch da zähneknirschend verwunden werden. Aber es ist unerträglich, wenn es sich im eigenen Bereich abspielt.

Niemand hat in Zypern bisher ganz recht gehabt, niemand ganz unrecht. Die Verfassung von 1960 wurde zuerst von den Türkisch-Zyprioten sabotiert, als sie sich weigerten, im gemeinsamen Parlament notwendige Steuervorlagen zu verabschieden. Danach stellten sich die Griechisch-Zyprioten gegenüber den konstitutionellen Wünschen der türkischen Volksgruppe begreiflicherweise schwerhörig. Ein Kompromiß wäre 1964 möglich gewesen, hätte nicht Ankara ihn vereitelt. Nun wurden auch die Griechen dickschädelig. Es begann jene Episode des Kalten Bürgerkrieges, die jetzt in die zypriotische Tragödie umgeschlagen ist.

So töricht der Putschversuch der Athener Junta im Juli war, so brutal was das Vorgehen der Türken im August. Sie wollten eine Lösung nicht aushandeln, sondern diktieren; daher ihr rüdes Genfer Ultimatum, daher der Bruch aller bisherigen Waffenstillstandsvereinbarungen, daher jetzt auch der Bereitwilligkeit, wieder an den Konferenztisch zurückzukehren, aber auch die Weigerung, nur einen Fußbreit der eroberten Gebiete herauszurücken.

Das sind nicht die Methoden, wie sie im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts unter Europäern geduldet werden können – und die Türken hatten ja seit 1945 nicht ohne Erfolg versucht, sich allmählich aus der geographischen und völkerkundlichen Zuordnung zu Asien zu lösen und in Europa heimisch zu werden. Diesen Erfolg untergräbt freilich ihre derzeitige Politik. Obendrein nennen sie ihre Teilungsfront auch noch "Attila-Linie". Wie gering muß ihr Gespür für die historisch geeichten Empfindlichkeiten des Abendlandes sein!

Niemand hat sich in den zurückliegenden Wochen mit Ruhm bedeckt. Die Amerikaner nicht – Henry Kissinger wurde von dieser Krise überrumpelt. Die Russen nicht – ihre doppeldeutig artikulierte Verlegenheit entspricht der amerikanischen; noch wissen sie nicht, auf welcher Seite ihr Vorteil liegt. Auch die Europäer nicht – in ihrer Ferienträgheit können sie sich allenthalben darauf berufen, daß wenigstens Frankreich den vorherrschenden Gefühlen Ausdruck gegeben hat. Aber welche europäischen Staatsmänner hätten schon unumwunden gesagt, was doch viele denken: daß eine atavistisch handelnde Türkei in Europa nichts verloren und nichts zu suchen hat; daß die Europäer zwar so wenig wie die Griechen militärisch etwas unternehmen können, daß sie aber durchaus über politische und wirtschaftliche Sanktionen verfügen?