Von Jürgen Werner

Die Fußballweltmeisterschaft wirkte wohl noch nach. "Deutschland, Deutschland über alles" jubilierten die Fans aus Frankfurt und Hamburg, als zur Eröffnung des Pokalendspiels – zum erstenmal übrigens – die Nationalhymne erklang. Die dritte Strophe sitzt also noch nicht. Der Deutsche Fußballbund (DFB) sollte zu solchen Anlässen oder bei Länderspielen im offiziellen Programm den Text einfach abdrucken – Fußballstadien als Schule der Nation. Außenminister Genscher hatte die Spieler beider Mannschaften vor dem Anpfiff mit Handschlag begrüßt, sicher ein Indiz für den gegenwärtigen Stellenwert des Fußballsports in der Bundesrepublik.

Das große Spiel konnte also beginnen. Die Schlachtgesänge und das rhythmische Klatschen der 50 000 Zuschauer – 68 000 faßt das Rheinstadion in Düsseldorf –, Fahnenschwenken und Hörnerblasen, das Raunen und Stöhnen der Massen, gellende Pfiffe und rauschender Applaus machten diese zwei Stunden Fußballspiel zu einer akustischen Orgie. Doch die Euphorie der Enthusiasten war der Qualität des Spiels eigentlich nicht angemessen. Die vom nahen Flughafen startenden Jets und Jumbos wurden in der ersten Halbzeit mehrfach bestaunt, weil die Akteure von HSV und Eintracht Frankfurt ihre Rolle wohl gelernt hatten, aber ihr Spiel zuviel Routine und zuwenig Raffinesse offenbarte.

Nach den fesselnden Fußballkrimis der Fußballweltmeisterschaft wirkte das Pokalfinale wie ein Gesellschaftsstück – nicht uninteressant, aber man wird es bald vergessen haben. Ein Stück für die Statistik. Die Fußballfachleute wurden entschädigt durch die letzte Viertelstunde und die dann folgende halbstündige Verlängerung des Spiels, weil die Spieler beider Mannschaften jetzt zu improvisieren begannen und sich dadurch Fußballszenen abspielten, denen man Spannung und Dramatik nicht absprechen kann. Zum Fachlichen also:

Fußballspiele zwischen Spitzenmannschaften werden heute weitgehend dadurch entschieden, wie sich über die Distanz von 90 Minuten oder wie in Düsseldorf sogar über 120 Minuten die einzelnen Spieler mit ihren bestimmten Aufgaben schließlich gegen ihre direkten Kontrahenten durchsetzen. Bei diesem Finale wie auch während der vergangenen Fußballweltmeisterschaft bildeten sich wie selbstverständlich gegnerische Paare, deren Partner sich schwerpunktmäßig auf die Verteidigung des Tores, die Inszenierung von Angriffen – das sogenannte Mittelfeldspiel – oder das Erzielen von Toren konzentrierten. Das Symbol dieses Antagonismus während der Fußballweltmeisterschaft bildeten wohl der Holländer Cruyff und der Deutsche Vogts.

In Düsseldorf waren die Spieler beider Mannschaften eine Woche vor Beginn der Fußball-Bundesliga-Saison konditionell etwa gleich gut vorbereitet, das heißt, Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer hielten sich etwa die Waage. Technisch gesehen – damit ist die Beherrschung und kontrollierte Annahme und Abgabe des Balles gemeint – waren die Frankfurter Spieler etwas sicherer und effektiver. Die Taktik ähnelte sich. Beide Mannschaften waren bemüht, den Ball möglichst lange im eigenen Besitz zu halten. Die Temperatur von 30° legte diese Ökonomie nahe, da das Erkämpfen des Balles, das Hinterherlaufen also, viel Kraft verbrauchte. Zum anderen hält und hielt diese Methode das Risiko klein, das eigene Tor zu gefährden.

Der Unterschied, der schließlich dieses Spiel zu Recht entschied, Frankfurt gewann 3:1, lag also darin, daß sich drei Spieler der Frankfurter schließlich gegen ihre Bewacher durchsetzten. Hölzenbein, der Nationalspieler, erzielte das zweite Tor selbst, bereitete das dritte durch einen an der Mittellinie gewonnenen Zweikampf, den darauf folgenden langen Spurt und das abschließende Zuspiel vor und beunruhigte während des ganzen Spiels nicht nur seinen Gegenspieler Nogly, sondern die gesamte Deckung des HSV. Grabowski, der zweite Nationalspieler in der Frankfurter Mannschaft, sorgte für die Verteilung der Bälle, für Ruhe in der Mannschaft und ließ Ball und Gegenspieler laufen.