Von Johann Christoph Lutze

Ausgerechnet während der sommerlichen Nachrichtenflaute machte aus Bonn eine Meldung die Runde, die Millionen Bürger verschreckt hat: Die Angestellten müßten im kommenden Jahr mit einer "drastischen Erhöhung" ihrer Krankenversicherungsbeiträge rechnen. Hans-Wilhelm Müller, Geschäftsführer des Verbandes der Angestellten-Ersatzkassen, vergleicht die Wirkung dieser Mitteilung zutreffend mit der eines Holzhammers.

Der Hammer fiel, während sich Sozialpartner, Krankenkassen, Rentenversicherungsträger und Vertreter der Ärzteschaft im Bundesarbeitsministerium zur Weiterentwicklung der Krankenversicherung äußerten; sie waren zu einer Anhörung geladen worden.

Zur Diskussion stand dabei eine zunächst eher uninteressant erscheinende, technische Frage: Wie die Krankenversicherung der Rentner künftig neu geregelt werden soll. Dabei fürchtet Müllers Krankenkassenverband, daß die von Bundesarbeitsminister Walter Arendt geplante Neuregelung bei den Angestelltenkrankenkassen im nächsten Jahr Mehraufwendungen "in Höhe von etwa 950 Millionen Mark" erfordern würde.

Das Gesamtdefizit der Mitgliedskassen, so Müllers Verband in einem Brief an Arendt, würde sich bei der Rentnerkrankenversicherung damit auf 2,7 Milliarden Mark erhöhen. Pro Kopf der aktiv Versicherten seien das 349,74 Mark. Eine Beitragserhöhung um 0,7 Prozentpunkte sei die unausweichliche Folge. Bei der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) wäre das – die sowieso fällige Beitragsbegrenzung nicht gerechnet – eine Erhöhung von gegenwärtig 9,8 auf 10,5 Prozent des Bruttogehalts, wobei die Hälfte zu Lasten des Arbeitgebers geht. Für einen Familienvater mit 1800 Mark Gehalt wäre das ebenso wie für seinen Arbeitgeber eine Mehrbelastung von 6,30 Mark.

Die Ursachen der Auseinandersetzung und auch des Defizits bei der Rentnerkrankenversicherung sind ein Erbe aus der Zeit der Großen Koalition. Diese hatte 1967 beschlossen, daß die Kosten der Krankenversicherung der Rentner zu vier Fünfteln von den Rentenversicherungsträgern und zu einem Fünftel von den Krankenkassen aufzubringen seien, bei denen die Rentner versichert waren.

Die damals eingeführte Berechnungsmethode führte dann jedoch dazu, daß sich dieses Verhältnis immer mehr zu Lasten der Krankenversicherung verschob. "Heute stehen wir bereits bei 60:40, und manche Kassen mit hohem Rentneranteil sogar bei 50:50", klagt ein Vertreter des Bundesverbandes der Ortskrankenkassen. Von den mehr als acht Millionen Rentnern werden mehr als fünf Millionen von den Ortskrankenkassen betreut, die dafür 1973 rund 1,35 Milliarden Mark ausgeben mußten. Die Angestellten-Ersatzkassen haben es etwas besser.