Gegen die Parteilinie gedacht

Von Peter Buchka

Mit großen Theoretikern ist England schon lange nicht mehr gesegnet. Politische Philosophie fand im Ursprungsland des modernen Kapitalismus – jedenfalls für Außenstehende – nur noch in Wirtschaftskämpfen statt, sichtbar an den erbitterten Streiks oder dem sachten Rückzug aus dem Kolonialismus. So ist es eine Überraschung, wenn jetzt, mit vierzigjähriger Verspätung und auf dem Umweg über die DDR (den VEB Verlag der Kunst Dresden) bei uns ausgerechnet ein marxistischer Denker aus England entdeckt und publiziert wird. Drei Jahre nach seinen weitgehend unbeachtet gebliebenen "Beiträgen zur materialistischen Ästhetik – Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit" sind jetzt erschienen, als zweiter Band der Werke –

Christopher Caudwell: "Studien zu einer sterbenden Kultur", aus dem Englischen von Elga Abramowitz; Reihe Hanser, Hanser Verlag, München, 1974; 179 S., 9,80 DM.

Überraschend, ungewöhnlich ist schon die Biographie des Christopher Caudwell, der mit bürgerlichem Namen Christopher St. John Sprigg hieß. Mit 16 verließ er die Schule, wurde Journalist bei einem Provinzblättchen, trat als Redakteur in einen Londoner Verlag für Luftfahrtwesen ein, konstruierte stufenlose Getriebe und gab zusammen mit seinem Bruder Fachbücher und eine Zeitschrift über aeronautische Fragen heraus. Daneben schrieb er Kriminalromane, Kurzgeschichten, Gedichte. St. John Sprigg war damals 25 Jahre alt.

Während der Arbeit an einem Roman, den er erstmals unter dem Pseudonym veröffentlichte, durch das er heute bekannt ist, kam er mit den marxistischen Klassikern in Berührung. Er zog daraus die bezeichnende Konsequenz: Er trat der kommunistischen Partei bei und ging ins Londoner Dockarbeiterviertel, wo er Aufklärungsarbeit "an der Basis" betrieb. Bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs meldete sich Caudwell sofort freiwillig. Mühsam mußte sein Bruder die Parteispitze davon überzeugen, daß Caudwell mit Aufsätzen und Essays nützlichere Arbeit leisten könnte – die Funktionäre hatten noch gar nichts von ihm gehört. Als endlich die Aufforderung zur Rückkehr in Spanien eintraf, war Caudwell, dreißigjährig, bereits bei Jarama gefallen.

Der Biographie entspricht Caudwells Denken. Der sprunghaften Neugier und unermüdlichen Arbeitswut des schulfeindlichen Autodidakten korrespondiert der fast bedingungslose Dienst an der gerade für richtig erkannten Sache. Zu intelligent für Propaganda, zu ungeduldig für blanke Theorie, fällt Caudwell aus jedem Schema. Zwar vertritt er als kulturkritischer Essayist scheinbar linientreu bis zum Überdruß die marxistische Grundthese, daß das Sein das Bewußtsein bestimme, aber er erläutert sie an Personen und Umständen, daß einem stalinistischen Funktionär die Haare zu Berg stehen mußten. Voller Wissensdrang begibt sich Caudwell auf Gebiete, die von der Partei als "individualistisch" eingezäunt worden waren, und zieht Schlüsse aus seinen intellektuellen Erfahrungen, die den Grundsätzen der Partei eine Nase drehen.

Etwa wenn er sich mit Freud auseinandersetzt. Natürlich rechnet er dem Kulturpessimisten den optimistischen Widerspruch vor, daß "er glaubt, während es mit der Gesellschaft abwärts gehe, könne der Psychoanalytiker als Individuum tun, was die ganze Gesellschaft nicht zustande bringt, und den Neurotiker heilen, den die modernen Lebensbedingungen hervorgebracht haben". Individualistisch ist dem Individuum nicht mehr zu helfen, darum sagt Caudwell, im Gegensatz zu Freud, müssen wir "die Soziologie etablieren, ehe wir die Psychologie etablieren können". Gleichwohl bewertet er, nach einem Streifzug durch die Biologie-Geschichte, die Bedeutung der Sexualität wie Freud – freilich mit einer entscheidenden Akzentverlagerung. Caudwell lehnt die Auffassung der Sexualität als Trieb ab. Denn dadurch bleibe für den fälschlich als Materialisten bezeichneten Freud eine Sache immer grundsätzlich die gleiche, sie werde lediglich durch Hemmungen oder Sublimierung modifiziert. In Wahrheit sei aber auch Sexualität kein Konstantes, sondern ein Werden, das, historisch und also gesellschaftlich bedingt, weit mehr sei als bloße Modifikation, sondern Veränderung, qualitative Veränderung. Deshalb schlage Sexualität im Verlauf der Geschichte allmählich um in Liebe, durch die sich im Gegensatz zur reinen Fortpflanzung ein Selbst bilden kann, Persönlichkeit, die gleichwohl dialektisch sofort wieder dahin tendiert, sich im geliebten anderen aufzulösen. Genau damit kommt – überraschend – ein Element in die materialistische Lebensbetrachtung, das der Marxismus von Marx an fast schamhaft verschwiegen hat, der Tod: "Liebe, die Spenderin der Individualität, ist auch die Spenderin des Todes, der Antithese der Persönlichkeit. Deshalb scheinen der Lebenstrieb und der Todestrieb, Eros und Thanatos, so eng miteinander verbunden, nicht deshalb, weil sie spezifische Triebe sind, wie Freud meinte, sondern weil der Tod die Liebe begrenzt."

Gegen die Parteilinie gedacht

Merkwürdig idealistisch setzt sich Caudwell, der manchmal so sarkastisch sein kann, hier fast programmatisch zwischen die Stühle von Marx und Freud – und bleibt eben dadurch beiden auf Tuchfühlung nahe. Sein Versuch einer Vermittlung zielt auf jenen letztlich unauflöslichen Knotenpunkt, in dem die acht Studien zu einer sterbenden Kultur zusammengebunden sind: auf den Begriff Freiheit. Warum diese Kultur, die natürlich die des Bürgertums meint, zum Sterben krank ist, erweist sich an eben diesem Begriff, der für den Bürger nur eine Bedeutung haben kann, die der individuellen Freiheit, in der das bürgerliche Selbstverständnis kulminiert. Eingeschlossen ist darin, daß nur das Individuum sich andern kann, nicht die Gesellschaft. Darum prallen die Freudschen "Triebe" ständig ab an einer undurchdringlichen Wand und fallen zurück in sich selbst, wo sie sich zur Neurose verdichten.

Wegen dieser Illusion der individuellen Freiheit, deren schlimmster Aspekt ist, daß sich der Bürger für desillusionistisch hält, weil er seine Freiheit ständig verteidigen muß, fällt diese Kultur stets hinter ihren eigenen Entwicklungsstand zurück. So demontiert Caudwell den bürgerlichen Übermenschen George Bernhard Shaw, der sich bereits philosophisch wie jene Bestie im Dschungel verhält, als die sich der "freie" Kapitalist im Wirtschaftsleben fühlen muß, wenn er Erfolg haben will. Aber immer ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine stärkere Bestie auftaucht.

Ob an Personen wie Freud, Shaw, H. G. Wells, T. E. und D. H. Lawrence oder an Problemen wie Heldentum, Künstlertum, Utopismus, Ethik und Psychologie, immer wieder versucht Caudwell nachzuweisen, daß die individuelle Freiheit, die sich der Bürger ertrotzt, eine Lüge ist, an der er einmal erstickt; eine Illusion, die sich gerade dadurch als falsch erweist, daß sie am Ende das Individuum nicht individuell, sondern gesellschaftlich auslöscht. Entsprechend, natürlich, die Schlußfolgerung: "Das Individuum ist niemals frei. Es kann Freiheit nur in gesellschaftlichen Zusammenhängen erlangen. Es kann nur dann tun, was es will, wenn es gesellschaftliche Kräfte einsetzt."

Eben da liegt der Einwand gegen das nicht ganz zu Ende Gedachte: Nicht nur wird ausschließlich dem Freiheit versprochen, der auf sie verzichtet, sondern auch dem Bürger die Fähigkeit zu gesellschaftlichem Handeln abgesprochen. Dabei ist gerade er gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, denen er sich anpassen muß, wo er dem Lauf seines freien Willens zu folgen meint. Schlimmer als der Freiheitsdrang des Bürgers ist heute doch die eingeplante Kompromißbereitschaft.