Halle Selassie, Kaiser von Äthiopien, hat am Wochenende den letzten politischen Einfluß verloren: Die Armee nahm den Kommandeur der kaiserlichen Leibgarde, Lemma, fest. Einen Tag zuvor waren dem 82jährigen Herrscher die restlichen Machtbefugnisse genommen worden, als die Armee den Kronrat, den Obersten Gerichtshof und das militärische Beratungsgremium des Kaisers auflöste. Der Kronrat war die höchste Regierungsinstanz Äthiopiens.

Hinter allen Aktionen stehen der "Koordinierungsausschuß der Streitkräfte" und die auf Reformen drängenden Kräfte im Heer. Schlag auf Schlag haben sie die vor kurzem noch unumschränkte Machtfülle des Negus auf Repräsentativfunktionen reduziert, ehe noch die neue Verfassung in Kraft ist, die eine parlamentarische Monarchie vorsieht. Inzwischen scheinen aber die Ereignisse auf eine reine Militärherrschaft hinzuführen. Schon wird Haile Selassie, der seinen Palast nur noch zum Gottesdienst verläßt und Stunden "in tiefer Meditation" verbringt, "Kaiser ohne Thron" genannt. Er regiert seit 46 Jahren.

Eine Untersuchungskommission hat inzwischen bekanntgegeben, sie werde mit Vorrang die Verantwortlichkeit für die Dürre- und Hungerkatastrophe in verschiedenen Gebieten des Landes und deren Vertuschung zu klären suchen. Diese Verantwortlichkeit solle von Bezirksebene bis hinauf zum Ministerpräsidenten untersucht werden. Äthiopien steht damit vor einer Serie von Strafprozessen, die einen Großteil der ehemaligen Elite des Landes auf der Anklagebank sehen dürfte.

Indessen hat die orthodoxe Kirche Äthiopiens, die älteste und neben dem feudalen Großgrundbesitz die einflußreichste Institution des Kaiserreiches, bestimmte Artikel der geplanten neuen Verfassung kritisiert und sich gegen den "Laizismus des Staates" ausgesprochen. Die Kritik ist in einem Memorandum enthalten, das dem äthiopischen Premierminister Imru und dem Koordinierungsausschuß, nicht aber dem Kaiser, vorgelegt wurde.

Dagegen wurde die Armee im Parlament heftig kritisiert, wo alle 23 Abgeordneten der Nordprovinz Eritrea mit der Begründung zurücktraten, das Militär habe mehrere hundert Einwohner getötet. Die Ermordeten sollen Sympathisanten der "Befreiungsfront von Eritrea" gewesen sein, die für die Unabhängigkeit dieser Provinz kämpft.