Von Jens Friedemann

Vor vier Monaten vertraute ein Kaufmann aus Süddeutschland einem Warentermin-Spezialisten 400 000 Dollar an. Ein anderer versuchte sein Glück mit 200 000, ein dritter mit 80 000 Dollar. Heute ist von diesem Geld nichts mehr vorhanden. Während die Münchener Anwälte der Geschädigten die Staatsanwaltschaft bemühen, wirbt die Branche weiter um Leute, die schnell reich werden wollen.

Nach dem kometenhaften Boom mit IOS-Anteilen, dem Geschäft mit Abschreibungsobjekten und Immobilien, entdecken nun immer mehr Geldanleger in der Bundesrepublik den Warenterminmarkt. Der Ausflug an die hochspekulativen "Commodity-Futures"-Börsen von London, New York und Chicago brachte manchen von ihnen in den vergangenen Monaten tatsächlich Rekordgewinne von hundert und mehr Prozent. Rohstoffe, deren Preise sich seit Jahren innerhalb bestimmter Bandbreiten bewegten, brachen plötzlich aus und stiegen in ungeahnte Höhen. Riesengewinne winkten.

Doch jetzt winken den Spekulanten böse Überraschungen. "Die jüngste Entwicklung auf dem Rohstoffmarkt zeigt, daß die für die Nachkriegszeit einmalige Preishausse mit einer Verdoppelung bis Vervierfachung der Preise vieler Rohstoffe zum Stillstand gekommen ist", erklärte das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut in der vergangenen Woche. Erste Folgen des Wandels zeigten sich bereits.

Dem britischen Zuckerbäcker Mackintosh kostete ein unerwarteter Preisrutsch an der Kakaobörse 140 Millionen Mark. Rund zwölf Millionen Mark – so teilte das Londoner Metal Bulletin mit – setzte die Frankfurter Metallgesellschaft an der Kupferbörse in den Sand, als sich der Preistrend im zweiten Quartal plötzlich drehte. Aus dem gleichen Grund mußte der alteingesessene Metallhändler Aaron Ferer in den USA die Pforten schließen.

Die einzigen, die vor den Folgen der Spekulation gefeit zu sein scheinen, sind die Warenterminberater in der Bundesrepublik, die Magazine und Zeitungen seit Monaten mit einer Flut von Inseraten überschwemmen, in denen sie ihre Erfolge in protzigen Superlativen verkünden, Risiken aber nur selten nennen. 116 454 Dollar will der Gamma-Verlag in der Münchener Schraudolphstraße in 13 Monaten gewonnen haben. "Wie wir in zehn Jahren aus tausend Dollar eine Million machen wollen", kann der Leser, der dafür zehn Mark aufzuwenden bereit ist, einer Broschüre des Commodity News Verlages aus Wuppertal entnehmen.

Den Vogel aber schießt der Weltmeister der Branche von eigenen Gnaden, Hans Mathias Nies, seßhaft in der steuerfreien Enklave Campione am Luganer See, ab: "Jetzt spricht der Mann zu Ihnen, der die bisher größten Gewinne in der Geschichte des Warenterminhandels erzielt und ausbezahlt hat; Millionen und Millionen von hartem Geld." Gutgläubige Geldanleger, die ihm auf Grund der penetranten Werbung rund 150 Millionen Mark anvertraut haben sollen, können nur hoffen, daß die Werbesprüche in Erfüllung gehen. Denn ob das Geld vertragsgemäß verwendet wird, weiß außer Nies wahrscheinlich niemand. Auch ob die Gewinnangaben (594,76 Prozent in zwei Jahren) stimmen, bestätigt nicht etwa ein Wirtschaftsprüfer, sondern sein. Generalagent Wolfgang Theile aus Offenburg – mit einem eigens dafür entworfenen Prüfsiegel. Zweifel an der Lauterkeit des Herrn Nies zerstreut Theile, der nach eigenen Angaben wenig vom Fach, dafür um so mehr von Freikörperkultur versteht, für deren Zeitschriften er die Anzeigenverwaltung besitzt: "Er (Nies) ließe sich lieber die Hand abhacken, als daß er etwas Krummes machen würde."