Von Ferdinand Ranft

Alle dreißig Minuten klingelt bei Wolfgang von Aichelburg im Athener Büro der Touristik Union-International (TUI) das Telephon: Der Krisenstab in der hannoverschen Zentrale von Deutschlands größtem Reiseveranstalter hält ständig Kontakt zu seiner Außenstelle in der griechischen Hauptstadt. Aichelburg berichtet, ob Flugplätze geschlossen sind, ob die Fährverbindungen auf die Inseln noch funktionieren, ob deutsche Autotouristen noch tanken können, ob die Banken noch Devisen eintauschen, ob Hotels und Busunternehmen wegen der Einberufung von Reservisten schließen mußten, wie die Lage an den Grenzübergängen ist. So wie er informieren auch, die Gebietsreiseleiter von den griechischen Inseln und in der Türkei ihre Zentrale laufend über die Situation.

Am Wochenende sahen Deutschlands Reiseveranstalter allerdings noch keinen Anlaß, ihre Griechenland- und Türkei-Touristen zu evakuieren. Neue Urlauber wurden freilich nicht mehr eingeflogen; der Luftraum über dem östlichen Mittelmeer war zum gefährdeten Gebiet erklärt worden; im Falle von Unglücksfällen haftet kein Versicherer für die dann entstehenden Schäden. Die Veranstalter leiten Griechenland- und Türkei-Touristen jetzt auf die Kanarischen Inseln und nach Tunesien um.

Noch nie wurde die Tourismusbranche, wurden die Urlauber mit so vielen Krisen und Widrigkeiten konfrontiert wie in diesem Sommer des Jahres 1974. Kaum waren Fluglotsenstreik, Nahostkonflikt, Pocken in Jugoslawien und Cholera in Italien vergessen, da hagelten neue Hiobsbotschaften in die guten Stuben der Bundesbürger, die gerade dabei waren, Urlaubspläne zu schmieden.

Mit der Ölkrise begann es. In ihrem Gefolge kamen Benzinpreiserhöhungen, Fahrverbote, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit. Immer noch Bürgerkrieg in Irland, Cholera in Portugal, Streiks und politische Anschläge in Italien, dann die Zypernkrise. 1500 deutsche Urlauber mußten damals von der Mittelmeerinsel ausgeflogen werden, der Schaden für die Reiseveranstalter belief sich auf mehrere Millionen Mark.

Aber nicht nur Politik und Wirtschaft spielten den Urlaubern übel mit, die Tourismusbranche hatte auch mit hausgemachten Krisen zu kämpfen: verschmutzte Strände in Italien, höhere Preise in vielen Reiseländern, Nepp statt anständiger Leistungen in manchen Gebieten, leere Betten wegen zu ungezügelter Expansion.

Um das Unglück voll zu machen, gab es dann noch eine Fußballweltmeisterschaft, die, im Gegensatz zur Olympiade, Deutschlands Familien vor dem häuslichen Fernsehschirm festnagelte, obwohl das Ereignis praktisch in der ganzen Welt zu sehen war. "Das haben wir falsch eingeschätzt", sagt dazu Scharnow-Geschäftsführer Manfred Rudolph. "Wir dachten an die Olympiade und sagten uns, jetzt ist es doch nur ein Ball." Der mieseste Juli seit 25 Jahren tat ein übriges und schob eine Regenwolke nach der anderen über Nordeuropa und ließ die Wassertemperaturen an den deutschen Küsten auf 14 bis 16 Grad sinken.