Wenn man im Fernsehen Reihen von Zuschauern erblickt, deren Köpfe immer so gehen: rechts, links, rechts, links und so weiter, dann weiß man, daß man es mit Tennis zu tun hat. Andere Merkmale scheinen sich mittlerweile geändert zu haben, zum Beispiel die Tatsache, daß, je besser ein Spieler diesen eleganten Sport beherrschte, sein Verhalten an Qualität gewann. Tennismeister wie der Deutsche Gottfried von Cramm und der Franzose Jean Borotra waren international als vollendete Kavaliere bekannt.

Neuestens haben wir nun aber den rumänischen Star Nastase, der Mitte August in Indianapolis bei den Kämpfen um die amerikanischen Meisterschaften gegen den Mexikaner Ramirez antrat. Und nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen den Schiedsrichter Cassin.

Nachdem Nastase die erste Runde mühsam sieben zu fünf gewonnen hatte, sagte der Schiedsrichter nach dem zehnten Spiel der zweiten Runde: "Fünf beide!" Nastase bestand darauf, daß er hätte sagen sollen: "Sechs zu vier." Prompt schlug er einen Ball in die Richtung des Herrn Cassin, den er zusätzlich noch saugrob beschimpfte.

Hier ist zweierlei zu beachten: Der Schiedsrichter auf seinem hohen Sitz ist durch geübte Tennisspieler ziemlich leicht zu treffen. Ferner haben berühmte Meister wie Ilie Nastase in langem Training einen so harten Schlag erworben, daß es gefährlich ist, von ihnen einen Schmetterball an den Kopf zu kriegen. Zweierlei bietet sich auch hier als Lösung an: Entweder steckt man die Schiedsrichter in einen Kasten aus schußfestem Plexiglas oder verzichtet völlig auf ihre Mitwirkung.

Für die zweite Lösung spricht eine Geschichte, die mir unlängst ein deutscher Tennismann erzählte: Seine Mannschaft war nach England eingeladen. Und dort stellten unsere erstaunten Landsleute fest, daß überhaupt kein Un- oder Überparteiischer benötigt wurde. Die englischen Spieler legten zweifelhafte Bälle einfach zugunsten ihrer Gegner aus, und die Deutschen machten es dann ebenso.

In Indianapolis gab Schiedsrichter Cassin nicht ohne weiteres auf. Im Gegenteil, er sagte Herrn Nastase, er möge sich bitte mäßigen. Dies jedoch brachte den Tennis-Star erst recht in Wut, so daß den sportbegeisterten Zuschauern klar wurde, Nastase würde sich nicht von oben herunter abkanzeln lassen. Er beschimpfte seinen Richter auf unflätige Weise.

Setzt sich diese Praxis fort, dann dürften also die Zeiten vorbei sein, in denen verantwortungsvolle, auf gute Erziehung bedachte Eltern ihre Kinder unpräpariert zum Tennisunterricht schicken. Ausdrücke wie "Noblesse oblige" und "Fair play" sind dann nicht mehr am (Tennis-)Platz. Junge Mädchen werden schwerlich von Spiel so unschuldig heimkehren, wie sie hingegangen sind. Kurz, man muß ihnen rechtzeitig Ausdrücke beibringen, wilde, hundsgemeine, sie mit den Armen fuchteln und mit dem Schläger schmeißen lehren. Tennis als Schule für gute Sitte und Anstand – c’est passé.