In seiner Eigenschaft als DDR-Agent ist Günter Guillaumes Name zum erstenmal am 22. September 1972 aufgetaucht, damals im Zusammenhang mit einem später verhafteten DDR-Spion, dem Ostreferenten beim DGB, Gronau. Am 13. Februar 1973 wurde Guillaume von der Sicherheitsgruppe des Bundeskriminalamtes in dieser Sache vernommen, doch gelang es ihm, sich aus der Schlinge zu ziehen.

Am 28. Mai 1973 heißt es in einem geheimen Aktenvermerk, aus dem die "Welt" zitiert, der Verfassungsschutz habe an diesem Tage seinem Präsidenten Nollau mitgeteilt, daß das Ehepaar Guillaume 1956 nicht aus der DDR geflüchtet, sondern wahrscheinlich in die Bundesrepublik eingeschleust worden sei. Nollau hatte darauf Innenminister Genscher und dieser Bundeskanzler Brandt informiert – beides geschah am 29. Mai 1973.

Ungeachtet dessen blieb der DDR-Agent noch zehn Monate in unmittelbarer Nähe der Regieeindeutig, Begründung: Der Verdacht sei zwar eindeutig, aber man brauche noch Beweise. Guillaume erhielt am 1. Juni seine Beförderungsurkunde zum Kanzlerreferenten und wurde Brandt sogar für die Urlaubsreise nach Norwegen attachiert – nur vergaß man leider, ihn dort zu observieren. Eine derart maximierte Schlamperei im Zusammenwirken dreier wichtiger Behörden – Kanzleramt, Innenministerium und Bundesverfassungsschutz – ist als einmalig zu bezeichnen.

Darum kann man gut verstehen, daß die Regierung jetzt über die "Schnüffeleien" der Journalisten und die Zitate aus Geheimakten wütend ist. Wenn aber die sogenannte Schnüffelei dazu führt, daß die Gefährdung nationaler Interessen aufgedeckt wird und nicht länger verschleiert bleiben kann, so wird der Bürger dafür dankbar sein müssen. Es gibt eben einen eingebauten Konfliktmechanismus: Die Regierung hat eine gewisse Geheimhaltungspflicht, die Presse eine fast uneingeschränkte Informationspflicht. Wo für jede Partei die Grenze verläuft, läßt sich nicht schematisch festlegen. Aber eine Richtschnur gibt es doch: Die Pressefreiheit ist nicht zum Vergnügen der Journalisten da, sondern zum Nutzen des Ganzen; und die Regierung darf ihre Geheimhaltungspflicht nicht zum Zudecken eigener Fehler mißbrauchen. Dff.