Die Türken haben ihre Ziele auf Zypern erreicht – die Griechen fürchten die Last der Kapitulation

Von Andreas Kohlschütter

Nikosia im August

Keine Angst, so lange noch geschossen wird, bleibt auch der Waffenstillstand in Kraft." Der Zuspruch des bulligen Fallschirmjägers aus Quebec, der am Eingang zum Ledra Palace, dem einstigen Luxushotel Nikosias und derzeitigen Hauptquartier des kanadischen UN-Kontingents Wache steht, klingt wenig hoffnungsvoll. Hinter Stacheldraht, Sandsäcken und einer Kugelweste erfüllt er seine "Friedensmission" an der "grünen Linie", die den griechischen und türkischen Teil der Stadt, die Welten der Konstantins und der Mustafas, unerbittlich voneinander trennt.

In fünfzig Metern Entfernung, in einem verlassenen Gebäude mit der Aufschrift Tourist Information Office", ebenfalls hinter einem Berg von Sandsäcken, kauert der erste Außenposten jenes "Friedenskorps", das zur Verteidigung türkischer Vaterlandsrechte aus Anatolien angerückt ist. Und gleich gegenüber vom Kanadierhotel, verdeckt von Mauern, dichtem Gebüsch und grillenbesetzten Eukalyptusbäumen, halten schwarzbärtige griechische Nationalgardisten in leerstehenden Villen ihre Stellungen für "Frieden, Freiheit und Mutterland".

Zypern, die ewig umkämpfte Insel im Mittelmeer, auf der Pharaonen, Phönizier, Kreuzfahrer, Venezianer, Paschas, Briten, Griechen und Türken Wälle und Festungen angelegt haben, findet keine Ruhe und keinen Weg zu sich selbst. "Who is to blame for it" – "Wer ist schuld daran?", heißt der Titel eines Songs, den die scheppernde Music-Box in der Offiziersmesse des Ledra-Palace von sich gibt. Auf der Rückseite wird angeboten: "IV getting better every day". Die UN-Kanadier, die an der Theke in ihren Whisky starren, können beide Melodien mitpfeifen.

Einen kurzen Augenblick lang sah es am Montag dieser Woche so aus, als werde Zypern wieder eine politische Chance geboten. Am Mittwoch, dem 14. August, im Morgengrauen, war die Genfer Konferenz geplatzt und die türkische Armee aus ihrem engen Brückenkopf um Kyrenia zum Angriff nach Osten auf Famagusta und nach Westen in Richtung Lefka angetreten. Am 16. August fiel die große Hafenstadt Famagusta in türkische Hand. Am selben Tag verließ Stadtpräsident Glafkos Klerides fluchtartig die Hauptstadt und verschob sich ins sichere Hinterland nach Limassol. Im Amtssitz der Regierung in Nikosia blieb niemand zurück – kein Polizist, keine Sekretärin, kein Chaufeur, nur eingespannte Briefe in den Schreibmaschinen, volle Aschenbecher und leere Zigarrenschatullen im Büro des Präsidenten. Es war der Tag der offenen Türen – der Tag, an dem das Ende der Republik Zypern gekommen schien.