Washington, im August

Es gibt eine Grenze für die Erfolgschancen der Geheimdiplomatie." Aus dem Munde Henry Kissingers klingt eine solche Feststellung wie ein außenpolitischer Offenbarungseid. Aber der US-Außenminister sah sich am Montag vor der Presse in Washington aus verschiedenen Gründen zu diesem Eingeständnis genötigt. Im Zypern-Konflikt hat nicht nur die amerikanische Krisendiplomatie versagt, die in Nahost und anderswo wahre Wunder bewirkt hatte, dem Superstar im State Department sind auch noch andere Fehler anzukreiden.

Kissinger fehlte diesmal das Augenmaß für die politische Dimension der Krise und es mangelte ihm an Gespür für die Empfindlichkeiten der streitenden Parteien, vor allem für die seelische Verfassung der Griechen. Von der Flexibilität, die in den verschiedenen Stadien des Konflikts notwendig gewesen wäre, war in der amerikanischen Außenpolitik nichts zu spüren.

Der Vorwurf, daß Kissinger den Zypern-Konflikt nicht ernst genug genommen habe, ist sicher nicht berechtigt. Doch seine Behauptung, daß sich Amerika im Zypern-Konflikt zurückgehalten hätte, um die Krise nicht zu internationalisieren, ist wenig überzeugend. Als Erklärung für Kissingers Zurückhaltung bleibt eigentlich nur die Tatsache, daß der Wachwechsel in Washington, der sich parallel zum Ringen um die Mittelmeerinsel vollzog, Energie und Interesse des Ministers zeitweilig voll beanspruchte.

Inzwischen hat die Ermordung des US-Botschafters in Nikosia Washington aus seiner Nabelsds.au. aufgeschreckt und den Amerikanern die Tragweite des Zypern-Problems verdeutlicht.

Das Verhalten Washingtons in der Nato-Krise ist ein Lehrstück in unglücklicher Vergangenheitsbewältigung. Kissinger wollte frühere Fehler der amerikanischen Außenpolitik wiedergutmachen und verursachte dabei nur neue Pannen. Seit Jahren hatte Washington die Türkei als Mauerblümchen an der Südostflanke der Allianz behandelt. Ankaras Klagen über die Benachteiligung der türkischen Minderheit auf Zypern waren in Amerika stets auf taube Ohren gestoßen.

Im Gegensatz zu Griechenland, dessen strategische Bedeutung für die Nato Washington selbst nach dem Obristen-Putsch 1967 immer wieder herausstrich, wurde der strategische Stellenwert der Türkei bis in die jüngste Krise hinein als gering eingestuft. Das hat sich inzwischen geändert. Ob sich das türkisch-amerikanische Verhältnis jedoch schnell wieder reparieren läßt, ist eine andere Frage.