"Reisen ohne anzukommen", von Ernesto Grassi. Es handelt sich um eine Neuausgabe der 1955 bei Rowohlt mit demselben Titel erschienenen "südamerikanischen Meditationen" Grassis, um zwei Schlußkapitel und ein Vorwort erweitert. Nur hat der Untertitel aus den Meditationen jetzt eine – zeitgemäßere – Konfrontation gemacht. Das Buch ist Ergebnis einer Vortragsreise durch die Andenländer und Brasilien, enthält aber so gut wie gar keine Beobachtungen oder Feststellungen über Südamerika, außer poetisch stilisierten Landschaftsbildern, dafür weitgesponnene Spekulationen und Phantasien über die reine Natur, den ungeschichtlichen Charakter Südamerikas, den Mythos, die Fragwürdigkeit unseres eigenen historisch und naturwissenschaftlich georteten Koordinatensystems. Rund ein Viertel des Buches ist überdies einem vorgeschickten Essay über Spanien und Flugreiseträumereien über das Erlebnis der Entfernungen oder die Kunst der Neger gewidmet. Dem Grafen Keyserling, dem Reisephilosophen, war derlei Meditieren noch erlaubt: eine brillante Urwaldskizze und dazu Gedanken über Gott und Welt. Länder, in die nur reiche Grafen reisten, waren vor fünfzig Jahren beinahe so metaphysisch wie das Jenseits. Heute ist Südamerika ein Stück unserer Welt, mit genau zu bezeichnenden Problemen. Man kann es nicht mehr als das ganz andere ausstaffieren, als mythische Gegenwelt. Unhistorisch ist nicht der Kontinent, sondern die Vorstellung, die sich der flüchtig Durchreisende davon macht. Wenn ihn in Cuzco die Lamas spöttisch ansehen, "als lebten in ihnen verzauberte Menschen wenn ihm die Indiofrauen dort wie Hexen erscheinen, wenn ein "Zauberbann über der Stadt zu walten scheint"‚ so ist die Zauberphantasie tatsächlich nur Ersatz für genauere Mitteilungen. Ich fürchte, die Zeit der Reisephilosophie ist vorbei. (Eine Konfrontation mit Südamerika, C. Bertelsmann Verlag, München, 1974; 246 S., 26,– DM.) Werner Ross

"Industrieliteratur", von Reinhard Dithmar. Im ersten Teil gibt der Autor einen Überblick über die sehr vage "Industrieliteratur" genannte schriftstellerische Produktion, angefangen bei Georg Weerth im 19. Jahrhundert bis zur Dortmunder Gruppe 61 und dem aus ihr hervorgegangenen "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt". Bei seiner Darstellung folgt Dithmar im wesentlichen den orthodoxen Auffassungen, wie sie in zahlreichen Aufsätzen der in der DDR erscheinenden Zeitschrift "Weimarer Beiträge" niedergelegt sind, aus der er unkritisch zitiert. Daß Dithmar keine eigenen Vorstellungen entwickelt, was, vor allem im 19. Jahrhundert, unter "Industrieliteratur" zu verstehen sei, verführt ihn dazu, nur jene Autoren als sozialkritische Arbeiterdichter vorzustellen, die heute in der DDR dafür gehalten werden. Dabei spielen jedoch in der vielgeschmähten bürgerlichen Literatur die im Zuge der Industrialisierung ins Lumpenproletariat abgesunkenen kleinen Bauern und Handwerker – so in vielen Novellen Kellers und Storms – eine wichtige Rolle, die nur übersehen kann, wer wie Dithmar ohne historische Perspektive und ohne eine klare Klassentheorie das Thema angeht. Titel, Namen, Jahreszahlen werden denn auch einfach aneinandergereiht. In den beiden zentralen Kapiteln "Industrieliteratur nach 1945" und "Industrieliteratur und Gesellschaft" referiert Dithmar nur fleißig, was er aus Büchern über die Gruppe 61 im besonderen und über das soziale Bewußtsein des Arbeiters im allgemeinen exzerpiert hat. Im Anhang findet sich eine Textsammlung "Gedichte aus der Arbeitswelt 1863 bis 1973". (dtv Wissenschaftliche Reihe; Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1973; 235 S., 4,80 DM.)

Christian Schultz-Gerstein

"Die Monster der Sierra Moreno", Roman von Ian Cameron. In den südlichen Anden, in der vulkanischen Eiswüste des "Hielo Continental", erlebt Professor McBride seine Sternstunde: Die britisch-chilenische Forschungsgruppe, der er angehört, gerät in die Gewalt grauenerregender Ungeheuer. Trotz Todesgefahr genießt McBride den leibhaftigen Alptraum. Seine These von der Existenz einer Paranthropus-Art (eine halbe Million Jahre nach deren "vermeintlichem" Aussterben) ist bewiesen. Die Flucht der Wissenschaftler durch Höhlenlabyrinthe, aktive Krater, Urwald, über Gletscher und Bergseen gelingt. Die Königlich Geographische Gesellschaft in London hat ihre Sensation. Der unter Pseudonym schreibende Autor scheint sein Thema dem attraktiven paläontologisch-anthropologischen Bericht von Robert Ardrey über die Entdeckung der Australopithecinen in Südafrika ("Adam kam aus Afrika") zu verdanken. Doch der Stoff wurde auf Kolportageformat reduziert, abgesehen vom willkürlichen Umgang mit geographischen Gegebenheiten. Wenn man diesen Trivialthriller zur Anthropofiction zählt, empfindet man Ignoranz (und Schartekenstil) des Autors als Ärgernis. Schließlich belegen Namen wie Vercors ("Das Geheimnis der Tropis"), Lester del Rey, Dämon Knight, Julian Chaim, L. Sprague de Camp ein (wenn auch abgestuftes) Niveau des Genres, das gelegentlich selbst intellektuellen Ansprüchen genügt. (Aus dem Englischen von Bernd Lutz; Goverts Krüger Stahlberg Verlag, Frankfurt, 1973; 269 S., 26,– DM.) Egbert Hoehl