ZDF, Montag, 19. August: "Ulla oder Die Flucht in die schwarzen Wälder", von Benno Meyer-Wehlack und Herbert Vesely

Vielleicht sollte man öfter aufs Postamt gehen. Vielleicht widerführe einem Ähnliches wie Wolf, dem Fernsehdramaturgen: ein modernes Märchen. Vielleicht säße Ulla hinter dem Schalter, und Ulla wäre gut zu einem, und dann zöge man mit Ulla hinaus in die Wälder, und das Leben wäre wie ein Traum:

So, als grasgrüne Utopie, als Schnulze für Intellektuelle hätten Benno Meyer-Wehlack (Buch) und Herbert Vesely (Regie) ihre Geschichte erzählen können. Das wollten sie nicht. Aber sie wollten auch nicht die andere, die problembewußte Variation (der Kopfarbeiter und das Mädel von der Post) – wollten also auch nicht, nicht noch einmal, nachdenken müssen über Liebe und Klassengesellschaft. Sie wollten, vermute ich, nur ein Filmchen drehen, eine Spielerei mit Bildern; etwas Zweckloses, Sinnloses, Schönes. Für dieses Genre gibt es in Deutschland kaum Beispiele, nur ein scheußliches Etikett: "ambitionierte Unterhaltung" nennt man es in den Fernseh-Dramaturgien.

Doch der Film wurde alles andere als ein Spaß, wurde zur deprimierenden Strapaze. Achtzig Minuten lang sah man den sauren Schweiß, mit dem hier das Anmutige und das Amüsante hergestellt wurden; sah einen Film, der nur eine einzige Anstrengung unternahm: nur ja nicht anstrengend zu werden – bis aus jedem Bild ein Bildchen, aus jedem Problem ein Problemchen geworden war.

Zu solchen Verkleinerungskünsten gehören natürlich Schauspieler, die keine sind oder es (auch eine Kunst) erfolgreich verbergen können. Wenn ich nun sage, daß mich Jörg Pleva (Wolf) ein bißchen an Vadim Glowna und ein bißchen an Woody Allen erinnerte (freilich beides, Glownas Ernst und Allens Witz boulevardesk verwässert), daß Iris Berben (Ulla) in jeder Filmminute angenehm schön und absolut indifferent war und daß da noch ein dritter mitspielte (Henry van Lyck), der einen Schnurrbart trug: dann ist das leider keine polemisch-verkürzte, sondern eine nahezu komplette Schauspielerbeschreibung.

Vesely, offenbar gelangweilt von der Geschichte, die er erzählen sollte, desinteressiert an Figuren und Schauspielern, Vesely, der früher wohl doch einmal ernstzunehmende Filme gemacht hat, tat diesmal das Allertraurigste: Er kompensierte sein Desinteresse mit formalen Lockerungsübungen, übte sich in Verpackungskünsten, zerschnitt seinen Film in tausend leere, flotte Bilder, garnierte ihn mit optischem Firlefanz, mit Traumsequenzen und Verfremdungsscherzen, die matt den Avantgardismus der fünfziger Jahre rekapitulierten; und hatte dabei vielleicht die verzweifelte Hoffnung, die Klischees würden ("unkonventionell" photographiert, pseudochaotisch arrangiert) zu tanzen beginnen.

Aber aus der "komplizierten Liebesgeschichte" wurde nichts; die Witze blähten sich, die Pointen verendeten. Da wird zum Beispiel, bei Wolfs und Ullas erstem Rendezvous, dieser Scherz gemacht: Wolf hat einen großen Strauß Blumen mitgebracht, aber dann (Klischee: der verträumte Intellektuelle) vergißt er natürlich, ihn zu überreichen. Na schön. Daß er es einen weiten Spaziergang lang vergißt, ja, daß er die Blumen auch dann noch verkrampft in den Händen hält, als man in Ullas Wohnung ist und das Mädchen zur Liebe drängt: es macht den Witz nur länger, nicht besser. Daß aber dann die Kamera auch noch in Großaufnahme den Blumenstrauß zeigt (damit auch niemand die fabelhafte Pointe übersieht), sagt wohl alles über die teutonische Grazie dieses Films.

Es gibt im deutschen Kino den schönen Ernst und den blöden Boulevard. Dazwischen aber, wo sich der Verstand und das Vergnügen treffen müßten, gibt es fast gar nichts. Es gibt keine anarchisch-verwilderten Spaß-Filme (wie Adolfas Mekas’ "Hallelujah die Hügel!"), und es gibt keinen intelligenten Boulevard (wie Truffauts "Tisch und Bett"). Es gibt nur einen Mangel: die Unfähigkeit, frei und ohne Kunst-Krämpfe mit dem Film zu spielen. Veselys Film hat diesen Mangel noch einmal demonstriert, mit entsetzlicher Gründlichkeit. Das ist sein einziges Verdienst. Benjamin Henrichs