Was Locarno von Festivals wie Cannes oder Berlin unterscheidet, ist seine Offenheit, sein Anspruch, vor allem dem Autorenfilm unterschiedlichster Prägung und den Arbeiten jüngerer Regisseure ein Forum zu geben. Von kommerziellen Kompromissen spürt man hier nichts, obwohl die Veranstaltung zu einem beträchtlichen Teil von den Fremdenverkehrsverbänden am Lago Maggiore subventioniert wird. Festivaldirektor Moritz de Hadeln hat den Balanceakt vollbracht, den unterschiedlichsten Ansprüchen an dieses Festival gerecht zu werden: denen der anspruchsvollen Cineasten ebenso wie des breiteren Publikums, das die mehr als tausend Zuschauer fassende Piazza Grande bei den abendlichen Freilichtaufführungen meist bis auf den letzten Platz füllte.

Konrad Wolfs "Der nackte Mann auf dem Sportplatz" war gewiß kein mit Spannung erwarteter Höhepunkt wie die Filme von Rivette, Borowczyk oder Tanner, verweist aber genau auf die Problematik, mit der sich auch die Filmemacher auseinanderzusetzen haben: auf "den mühseligen Weg der Kunst zur Gesellschaft", wie es Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase formuliert. Dabei provoziert der Bildhauer Kemmel in Wolfs Film alles andere als Unverständnis und Ablehnung oder begnügt sich mit dem Beifall einiger versnobter Sammler. Kemmel begreift sich und seine Arbeit als Bestandteil einer sozialistischen Gesellschaft, in der die Kunst allen gehören, alle ansprechen soll. Und doch erlebt er die Diskrepanz zwischen dem, was man von ihm erwartet, und dem, was er gestalten will und kann. Ein "kleiner Film", in dem es nicht um dramatisch zugespitzte Konflikte, sondern um die Alltagserfahrungen eines Künstlers in der sozialistischen Gegenwart geht, in authentischen Details, in oft eher angedeuteten als inszenierten Episoden, nicht ohne heitere Zwischentöne, aber frei von allen Klischees und jeder Beschönigung gemacht. "Der nackte Mann auf dem Sportplatz" wird wohl bald im deutschen Fernsehen zu sehen sein; im antiquierten Verleih- und Kinosystem der DDR hat er sein Publikum bisher noch kaum gefunden.

Ein zweiter Film aus der DDR, Lothar Warnekes "Leben mit Uwe", geht ebenfalls von dokumentarischen Details der Wirklichkeit aus, verzichtet auf eine betont dramatische Fabel und macht deutlich, daß Wolfs differenzierter filmischer Versuch kein Einzelfall in der neueren DEFA-Produktion ist: In Erinnerungen, Träumen und Alltagserfahrungen wird minuziös die Krise einer durchschnittlichen Wissenschaftlerehe eingekreist. Auch der Film "Feuerwehrstraße 25" des Ungarn Istvan Szabo wird sich gegen die eingefahrenen Sehgewohnheiten eines breiteren Publikums nur schwer behaupten können: In subtil poetischen Bildern, in komplizierten Kamerafahrten, in den Erinnerungen und Träumen der Einwohner eines alten Hauses während einer heißen Sommernacht, in der die Abbrucharbeiten in den benachbarten Straßen immer wieder den Schlaf stören, reflektiert der Film ein halbes Jahrhundert ungarischer Geschichte abseits der großen politischen Ereignisse. Szabos Film will die Spuren der Vergangenheit im Bewußtsein des Einzelnen erforschen. Dies gelingt ihm mit einer überzeugenden Sensibilität für die Struktur individueller Erinnerungen: in ihrer Summe ein an Widersprüchen reiches Panorama der Kontinuität und Diskontinuität menschlicher Schicksale und historischer Prozesse.

Gegenüber solchen Filmen, die ihre Mittel im dialektischen Verhältnis zur komplexen Wirklichkeit zu entwickeln versuchen, dabei aber fast zwangsläufig über die verkarsteten Erwartungshaltungen ihrer Zuschauer hinwegreden, nehmen sich manche cineastische Kostbarkeiten wie "l’art pour l’art " aus. So Jacques Rivettes dreistündiger Film "Céline et Julie vont en bateau", die Geschichte der Bibliothekarin Julie und der Zauberkünstlerin Céline, die mit magischen Getränken und geheimnisvollen Süßigkeiten immer tiefer in ein längst vergangenes Melodram eindringen. Rivettes Film manifestiert ein sich selbst genügendes Virtuosentum, das die Auseinandersetzung mit der "Zielgruppe" des Massenmediums Film wohl aufgegeben hat; Veränderung der Sehgewohnheiten findet hier nur noch in einem geschlossenen Kreis cineastischer Feinschmecker statt.

Und die Alternative zu dieser Virtuosität? Am deutlichsten hat sie in Locarno wohl Peter Bogdanovich mit "Daisy Miller" nach der Novelle von Henry James demonstriert. Die Spontaneität der ersten Filme ("Targets", "The Last Picture Show") von Bogdanovich hat sich hier freilich verflüchtigt zugunsten einer disziplinierten, aber doch äußerst kühlen Inszenierung von Kostümen, Dekors, Konventionen, echten und falschen Gefühlen. Die Geschichte der reichen und schönen Amerikanerin, die in Vevey und Rom die Gesellschaft durch ihre mädchenhafte Ungezwungenheit, ihre Lust am Flirt, ihr Spiel mit den Männern schockiert, bevor sie am Fieber stirbt, läßt Bogdanovich völlig teilnahmslos und deswegen auch keine Teilnahme weckend mit einer leerlaufenden formalen Brillanz abrollen.

Daß diese Probleme des europäisch-amerikanischen Films freilich nur einen Teil der ambitionierten internationalen Produktion betreffen, machten in Locarno auch Filme aus Indien, Syrien und dem Iran deutlich und am nachdrücklichsten der militante bolivianische Film "Der Hauptfeind" von Jorge Sanjines, ein Aufruf zum gemeinsamen Kampf der Indios und der Guerilleros gegen die Großgrundbesitzer. So weit ist die Spanne dieses Festivals, das dennoch im überschaubaren Rahmen bleibt. Und das macht im Gegensatz zu den monströsen Festivals seinen besonderen Reiz aus. Wolfgang Ruf