Von Katharina Focke

Von Ärzten und Patienten, die Naturheilmittel verschreiben oder verwenden, wird vielfach die Befürchtung geäußert, die von der Bundesregierung beschlossene Neuordnung des Arzneimittelrechts könnte den Zugang zu diesen Arzneimitteln erschweren oder gar unmöglich machen. Daß diese Befürchtungen oft mit großen Emotionen vorgetragen wurden, hat die sachliche Diskussion über die Behandlung der naturheilkundlichen Arzneimittel in unserem Gesetzentwurf erheblich erschwert.

Der Gesundheitspolitiker stehe hier vor einer nicht leichten Aufgabe. Er weiß, daß es viele Ärzte gibt, die mehr oder weniger häufig diese Art von Arzneimitteln verschreiben. Er weiß auch, daß viele Patienten nach diesen Mitteln verlangen. Es wird von dem Erfahrungsschatz der Natur, der Heilkunde und des Arztes gesprachen, der hier seit Jahrhunderten Anwendung findet. Die andere Seite sieht für den verantwortlichen Gesundheitspolitiker so aus: Er ist dafür verantwortlich, daß weder Arzt noch Patient betrogen werden. Er kann nicht zulassen, daß Arzneimittel auf dem Markt sind, die wirkungslos und/oder bedenklich sind.

Jeder erwartet von der Regierung, daß sie den Verbraucher schützt, indem sie schädliche und unwirksame Arzneimittel vom Markt verbannt. Dabei ist ein Gesichtspunkt von großer Bedeutung: Wird die Behandlung einer Krankheit mit unwirksamen Mitteln betrieben, so wird die Heilung entweder über einen längeren Zeitraum verschleppt oder gar unmöglich gemacht. Auf diese Möglichkeit der indirekten Schädigung der Gesundheit und der damit Verbundenen Gefahren muß deutlich hingewiesen werden. Vielfach werden diese Gefahren unterschätzt und bagatellisiert.

Dennoch besteht unter allen, die ein solches Gesetz verantworten müssen, Einigkeit darüber, daß alle Arzneimittel – also auch die naturheilkundlichen – wirksam und unbedenklich sein müssen. Letztlich geht es darum, wie dies jeweils nachgewiesen wird. Wenn gesagt wird, die Anwendung der Naturheilmittel sei unbedenklich, so trifft dies so allgemein nicht zu. Es darf nicht übersehen werden, daß in der Natur sowohl im pflanzlichen als auch im tierischen Bereich als auch im Bereich der Mineralien hochgiftige, aber auch hochwirksame Substanzen anzutreffen sind (herzwirksame Glykoside, Alkaloide der Tollkirsche, Schlangengifte, Alkaloide des Mohns, Mutterkorn, Giftpilze, krebserzeugende Aflatoxine, Arsen- und Quecksilberverbindungen). Niemand bestreitet, daß der Patient hier geschützt werden muß. Im Grunde ist es eben kein anderes Problem als bei den allopathischen Arzneimitteln. Die Schwierigkeit ist nur, die Schwelle festzulegen, wo Bedenken hinsichtlich einer schädlichen Wirkung bestehen und, um es nochmals zu betonen, wie die Wirkung nachgewiesen wird.

Ein begriffliches Problem kommt für den Gesetzgeber hinzu. Die Begriffe "Naturheilmittel" und "naturheilkundliche Arzneimittel" sind völlig unbestimmt. Alle Versuche einer Legaldefinition scheiterten bisher, weil die unterschiedlichsten Vorstellungen darüber bestehen. In der Hauptsache werden zwar homöopathische, phytotherapeutische und anthroposophische Arzneimittel zu den Naturheilmitteln gerechnet. Gegenseitige Abgrenzungen sind noch nicht gefunden. Selbst unter dem Begriff "homöopathische Arzneimittel" ist eine Vielzahl von unterschiedlichen Vorstellungen versammelt. Unter Berücksichtigung dieser Probleme hat die Bundesregierung einem Gesetzentwurf zugestimmt, der den Erfordernissen der Wissenschaft und der Praxis Rechnung trägt. Die Naturheilmittel und die entsprechenden Therapieformen bleiben erhalten, gleichzeitig aber wird dem Erfordernis nach Wirksamkeit und Unbedenklichkeit Rechnung getragen.

Der Gesetzentwurf unterscheidet zwar nur zwei Kategorien von Arzneimitteln, nämlich solche, die der Zulassung unterworfen sind, und solche, die der Registrierung unterliegen. Trotzdem gibt es eine Reihe von Gesetzeshinweisen, die jeweils eine noch differenzierte, sachgerechte Beurteilung zulassen. Arzneimittel, die nach anerkannten Regeln der Homöopathie (entsprechend dem homöopathischen Arzneibuch) hergestellt und nicht verschreibungspflichtig sind, brauchen nur registriert zu werden, das heißt, sie brauchen nicht den Wirksamkeitsnachweis zu erbringen. Dies erscheint einmal wegen des hohen Verdünnungsgrades und des damit verbundenen geringen Gehaltes an wirksamen Bestandteilen, zum anderen wegen der hier geübten ärztlichen Verordnungsweise vertretbar. Diese Verordnungsweise beruht auf einer individuellen Indikationsstellung, die nicht objektivierbar erscheint. Dies ist auch der Grund dafür, daß nach dem Entwurf bei homöopathischen Arzneimitteln ein objektives Anwendungsgebiet nicht genannt werden darf.