Nach einem beispiellosen Aufstieg ging dem zweitgrößten Touristik-Konzern das Geld aus

Bei Nacht und Nebel startete Flugkapitän Peter Hogg mit dem Court-Line-Tristar "Heitere Brise" vom kanadischen Flughäfen Halifax. Hogg war auf dem Rückwege aus der Karibischen See in Halifax zwischengelandet und vernahm dort die Nachricht vom Zusammenbruch seiner Firma. Bevor ihm die Kanadier die Rechnungen für Hotelübernachtung, Flughafengeboren, Treibstoff und Reparatur zur Barzahlung präsentieren konnten, hatte sich Hogg mit 3S5 Passagieren aus dem Staub gemacht.

Kaum war Hogg auf dem Heimatflughafen Luton nördlich von London gelandet, wurde der Düsenriese an die Kette gelegt. Und so wie der "Heiteren Brise" erging es der gesamten Court-Line-Jet-Flotte. Mit Hilfe richterlicher Arreste bemächtigten sich die Gläubiger der Vermögenswerte des zweitgrößten englischen Touristikunternehmens. Sonnenhungrige Urlauber, die am folgenden Tag zum Urlaubsflug nach Luton gekommen waren, fanden an verlassenen Schaltern die karge Mitteilung: Mit Wirkung vom 15. August 23.59 Uhr hat Court-Line Aviation den Betrieb eingestellt. Mit der Fluggesellschaft waren auch die Reiseunternehmen der Court-Line-Gruppe, Clarksons und Horizon, zusammengebrochen.

In London traten sofort Politiker auf den Plan. Der konservative Industriesprecher Michael Heseltine schob die Schuld unfähigen Ministern zu. Der Court-Line-Kollaps hat wegen seiner idealen Verbindung von menschlicher Tragödie und politischem Konflikt Aussicht, zu einem Schlager in den für Herbst erwarteten Wahlen zu werden: er paßt genau in den aktuellen Streit über das Verhältnis von Staat und Wirtschaft.

Beschäftigte und Öffentlichkeit wurden von dem Krach gleichermaßen überrascht. Doch nicht weil Court-Line als bombensicheres Unternehmen galt. Ganz im Gegenteil. Die Schwierigkeiten der Reisebranche und auch die von Court-Line waren bekannt. Ende Juni ersuchten die Court-Direktoren Industrieminister Wedgwood-Benn um Hilfe. Er war sofort bereit, der Court-Gruppe die Werften abzukaufen. Der Minister weckte mit seinen Äußerungen damals den Eindruck, daß Court-Line mit dem Verkaufserlös für die Werften (96 Millionen Mark) wenigstens das Sommerprogramm durchziehen kann. Doch bald war klar, daß Court das Reisegeschäft auch nach dem Verkauf der Werften nicht retten konnte.

Trotzdem versuchte das Management, wenigstens bis zum Abschluß der Sommersaison Ende September das Unternehmen über Wasser zu halten. Obwohl die zivile Luftfahrtbehörde den Industrieminister Benn von der aussichtslosen Lage informierte, durften Courts Reiseunternehmen von erwartungsvollen Kunden Geld kassieren.

Court-Line bewegte sich seit langem auf dünnem Eis. Ungestüme Expansion hatte das Unternehmen schon im letzten Jahr in eine Situation geführt, aus der die Direktoren nur einen rettenden Ausweg sahen: die Flucht nach vorn. Als Clarksons, einer der Pioniere billiger Flugreisen, vor dem Bankrott stand, kaufte Court-Chef John Young den Konkurrenten auf. Denn in Erwartung eines anhaltenden Booms im Reisegeschäft hatte sich Court-Line eine riesige Luftflotte aufgebaut, und Clarksons war einer der wichtigsten Charterkunden. Schließlich übernahm Young auch das Reiseunternehmen Horizon, das zu Beginn des Jahres den Konkurs anmelden mußte.

In den Ferienorten rund um das Mittelmeer, wo Horizon unbezahlte Hotelrechnungen zurückgelassen hatte, traute man den Briten allerdings nicht mehr und verschärfte die Zahlungsbedingungen. Dafür hatte Court-Line aber keine Finanzpolster, und die Hilfe der Regierung reichte nicht aus. Wilfried Kratz