Der Fall Niederaichbach offenbart Probleme bei der Beseitigung von Kernkraftwerken

Wenn es nach den Vorstellungen von Siemens geht, könnte das Isarufer bei Niederasbach bald ein Denkmal von fragwürdiger Attraktivität zieren: ein betonumhüllter Turm, rund 15 Meter hoch, acht Meter im Durchmesser. In seinem Inneren das vor zwei Jahren radioaktiv gewordene Reaktordruckgefäß des jüngst wegen Unwirtschaftlichkeit gestoppten Kernkraftwerks einer mit Bundes- und Landesmitteln geförderten Prototyp-Anlage.

Denkbar sind freilich noch andere Alternativen: Der Turm könnte dem öffentlichen Anblick etwa dadurch entzogen werden, daß man ihn in ein an gleicher Stelle zu errichtendes Kraftwerk "einbaut" oder ihn "einfach", wie das übrige Gebäude, abreißt. Dann aber müßten die radioaktiv gewordenen Teile in Kavernen abgelagert werden. Gesamtkosten für die Wiederherstellung eines makellos grünen Isarufers: 50 bis 100 Millionen Mark.

Diesen Weg hält Siemens-Reaktorbau-Chef Braun allerdings für überflüssig. Die strahlungsaktiven Teile, so argumentiert er, sind im Betonturm "sicher verwahrt für ein paar tausend Jahre. Der hält mindestens so lange wie die ägyptischen Pyramiden". Lange vor seiner Baufälligkeit sei alle Strahlungskraft erloschen.

Wie schließlich in diesem Fall, der das Problem der Kernkraftwerkbeseitigung erstmals ans Licht brachte, verfahren werden soll, das muß bis Ende September eine Kommission herausfinden, die aus Fachleuten des Bundesforschungs-Ministeriums und von Siemens gebildet wurde. Bonn hat schließlich aus Steuergeldern die Hälfte der Projektkosten für das Kraftwerk von 240 Millionen beigesteuert und möchte nun, so Forschungsminister Hans Matthöfer, dafür sorgen, daß "der Steuerzahler nichts mehr dazuzahlen" muß. Ob Matthöfer tatsächlich, wie man bei Siemens vermutet, "aus ideologischen Gründen" den totalen Abriß fordert, mag der Minister nicht erörtern. "Ich nehme grundsätzlich nicht Stellung zu Dingen, die noch ausgehandelt werden müssen." Aber: "Die Alternativen sind rein kostenmäßig zu untersuchen."

Wie auch die Auseinandersetzung zwischen Siemens und Bonn ausgehen mag, beide Parteien sind sich einig, daß hier nicht Steuermillionen und Siemens-Geld leichtfertig verbaut wurden. Matthöfer ist sich "durchaus nicht sicher, ob ich damals (vor zehn Jahren) nicht auch ja gesagt hätte". Mit Sicherheit sei die Förderungswürdigkeit sorgfältig überprüft worden. Und Braun glaubt, "auch heute noch ist diese Baulinie nicht von vornherein zu verwerfen". Er verweist darauf, daß die Engländer gerade erst ein neues Projekt dieser Technologie – gasgekühlter Druckröhrenreaktor, mit leicht angereichertem Uran betrieben und mit Schwerwasser "moderiert" – in Angriff genommen haben.

Jedenfalls erscheint heute allen Beteiligten das Unternehmen Niederaichbach auch nachträglich gerechtfertigt. Man wollte damals einerseits der Hegemonie der Amerikaner beim angereicherten Uran entgehen und zum anderen deutschen Kernkraftwerkbauern Wege zu einer eigenen Technologie und damit zum Geschäft ebnen. Doch die "überwältigend gewachsene Konkurrenz der Leichtwasserreaktoren" (Braun) war schneller. Ob dies zu spät registriert wurde, darüber wird der Streit anhalten. Bei Siemens fühlt man sich "verpflichtet, so lange auszuführen, bis der Auftraggeber (der Bund) sagt, aufhören".