Gläubigkeit ist Widerstand

Am 24. September 774 weihte der iro-schottische Mönch und Bischof Virgil den ersten Dom zu Salzburg – die Zwölfhundertjahrfeier, zur Zeit seit Ostern bis Ende September begangen, entwirft mit Glaubenswochen, festlichen Gottesdiensten und Kongressen, mit Errichtung eines Sozialfonds und Museumseröffnung, mit Sonderbriefmarke, Festmedaille und Studienpreisverleihung ein ziemlich authentisches Bild von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, den Chancen, Auswegen und Verkrampfungen der Kirche heute.

Im Rahmen dieser Festwochen findet auch ein umfangreiches musikalisches Programm statt, mit liturgischer Musik aus eben diesen zwölf Jahrhunderten, mit einem Kirchenmusiker-Weltkongreß, mit der Enthüllung der Musikhistoriker, daß die legendäre Salzburger 53stimmige Domweihmesse von 1628 fälschlicherweise dem Römer Orazio Benevoti zugeschrieben wurde (wer nun wirklich Autor ist, können auch die Salzburger Musikwissenschaftler nicht sagen).

Und mit der Präsentation eines Auftragswerks des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki: "Salzburger Magnificat". Penderecki benutzt zwar in diesem rund vierzig Minuten dauernden Stück den vollständigen Text des zum lateinischen Offizium der Vesper gehörenden "Lobgesang Maria", und wenn auch die Uraufführung im Dom stattfand, so handelt es sich hier keineswegs um eine liturgische Musik.

Wohl aber um ein Bekenntniswerk. Das Instrumentarium entspricht Pendereckis früheren geistlichen Musiken, der "Lukaspassion" und der "Utrenja" (Grablegung): großer, mehrfach geteilter Chor einschließlich Knabenstimmen, Soli, großem Orchester. Auch die stilistischen Mittel sind ähnlich: große Klangblöcke, die miteinander korrespondieren, in sich aufgebrochen werden bis hin zur Verselbständigung der einzelnen Stimme; Zerfaserung des Textes bis hin zu völlig isolierten Phonemen, Verteilung der Silben innerhalb der Chorblöcke bis in die totale Unverständlichkeit; Klangfarbenkomposition mit Tonballungen, die bis zu 55 im Vierteltonabstand spielende Streicher enthalten. Soweit also nichts unbedingt Neues.

Aber während Penderecki früher diese Klangblöcke und Formationen aus langgehaltenen, mit dem Filzstift gezeichneten Dauertönen aufbaute oder ihre exakten Inhalte den ausführenden Musikern überließ ("Aleatorik"), ist in diesem jüngsten Werk die Architektur aus kleinen Figuren, beinahe könnte man sagen "Motiven" aufgebaut, die fast ausnahmslos exakt definiert sind: Penderecki schreibt wieder Noten.

Und er greift noch stärker als bisher auf alte Techniken zurück, vor allem auf den Kontrapunkt: Einer der sieben "Sätze" des "Magnificat" basiert zum Beispiel auf dem alten Prinzip der Passacaglia (bei der ein melodisch wie rhythmisch genau umrissenes Motiv in der Baßstimme ständig wiederholt wird und damit die Form des Stückes garantiert). Ein anderer ist als Tripelfuge gearbeitet: Natürlich ist hier nicht das alte, etwa bei Bach übliche Schema der ständigen Folge von Themeneinsätzen übernommen – Penderecki verwendet als "Thema" einmal ein siebenstimmiges Liniengeflecht, dessen Stimmen ständig miteinander vertauscht werden, dann einen "Turm" von 48 nebeneinanderliegenden, sukzessive einsetzenden Stimmen, was die Wirkung eines riesigen, abwärts gleitenden Rauschens hervorruft, oder ein Feuerwerk aus pointillistischen Blechbläsereinwürfen, wobei alle seit Jahrhunderten im strengen Kontrapunkt angewandten Satzkünste ausgeschöpft werden.