Von Ulrich Kaiser

Es seien recht zwiespältige Gefühle, die er mit nach Hause gebracht habe, sagte Dr. Schätz. "Zunächst einmal bin ich furchtbar erschrocken, als ich sah, wie wenig bisher von den geplanten Bauten realisiert worden ist. Aber der Optimismus des Bürgermeisters Drapeau in Montreal vermag offensichtlich Berge zu versetzen!"

Dr. Walter Schätz, 41jähriger Regierungsdirektor im bayerischen Finanzministerium, ist nebenbei Liquidator eines Vereins, der sich "Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade in München" nennt. Kürzlich hatte das Internationale Olympische Komitee ihn nach Montreal geschickt, wo er die Organisatoren der nächsten Spiele 1976 in den Verhandlungen mit den Fernsehgesellschaften beraten sollte. Ähnliches hatte er auch während der drei Jahre getan, als er seinen Schreibtisch bei den Münchner Olympiaorganisatoren hatte.

Zwiespältige Gefühle hat nicht nur Dr. Schätz, sondern die gesamte Spitze des Internationalen Olympischen Komitees, wenn es inzwischen an die Spiele in Montreal denkt, die in gut zwei Jahren beginnen sollen. Eine gewisse Panikstimmung hat es bei derlei Gelegenheiten noch immer gegeben – dieses Mal allerdings scheint diese Regung mehr Berechtigung zu besitzen als jemals zuvor.

Als die Kanadier 1966 in Rom mit München um die Vergabe der Spiele 1972 stritten – und unterlagen –, versuchten sie mit finanziellen Angeboten zu ködern: "Wir geben allen Athleten und ihren Betreuern freie Logis und Unterkunft!" Vier Jahre später in Amsterdam war Moskau der Wahlgegner; und man erhielt den Zuschlag für 1976. Mit dumpfem Pathos erklärte Jean Drapeau, Montreals Bürgermeister, seinerzeit die einzigartigen Vorteile seiner Stadt; immer wieder wies er in seiner halbstündigen Rede darauf hin, daß die Metropole Franco-Kanadas bis zum Jahre 1976 alle notwendigen Einrichtungen besitzen würde – ob man die Spiele nun dorthin vergeben werde oder nicht. Zu denken geben hätte dem IOC höchstens der sechs Minuten lange Werbefilm, den man bei dieser Gelegenheit vorführte. Da war nämlich die Rede von modernen Wolkenkratzern, von guten Restaurants, großen Kathedralen, erregendem Nachtleben, hervorragendem Theater, schönen Museen, von einer funktionierenden U-Bahn, vom Flughafen und vom Überseehafen, von Parks und Brunnen und vom Modezentrum Montreal. Vom Sport, dem man bei Olympischen Spielen ja eine gewisse Rolle nicht absprechen kann, war nur zweimal kurz die Rede. Einmal wurde erklärt, daß Montreals Athleten seit dem Jahre 1900 an Olympischen Spielen teilnehmen – zum anderen sprach man vom "wonderful sport of girl watching". Vielleicht hat letzteres Versprechen die internationalen Olympier in Amsterdam davon überzeugt, daß hier der richtige Ort für die Durchführung der Spiele 1976 sei ...

Der Euphorie von 1970 ist innerhalb des IOC allerdings inzwischen ein unübersehbarer Katzenjammer gefolgt. Von den großen Versprechungen, die man seinerzeit abgab, ist sehr wenig gehalten worden – in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit wird man auch längst nicht mehr alles einlösen können. Als erste öffentliche Blamage ist die Weltmeisterschaft der Radfahrer anzusehen, die dieser Tage in dem neuen Velodrom in Montreal stattfinden sollte. Der Bauplan war so knapp konzipiert, daß ein Arbeiterstreik dieses Stadion nicht rechtzeitig fertig werden ließ. Die Kämpfe um die Welttitel der Pedalritter mußten in einem Provisorium stattfinden. Als Beispiel für die Tatsache, mit wie wenig Unterstützung der Enthusiasmus des Bürgermeisters Jean Drapeau im Staat Quebec oder gar in ganz Kanada rechnen kann, mag ein probeweise abgehaltenes Straßenrennen herhalten: Während der Nacht streuten Olympiagegner zentnerweise Nägel auf die Strecke, so daß die Probe höchstens zu einer Weltmeisterschaft im Fahrradschlauchflicken wurde. Die Lotterie, mit der man die Spiele zu finanzieren gedenkt, ist in einigen Staaten wie Manitoba oder Britisch Columbia gar nicht zugelassen worden – von dem großen Stadion, in dem in zwei Jahren die "Jugend der Welt" einmarschieren soll, ist bisher nur ein großes Erdloch zu sehen – vier internationale Sportverbände wissen bis heute nicht, wo sie ihre olympischen Wettbewerbe austragen sollen – einen vorläufigen Zeitplan lehnte man so eng an die Wünsche der USA-Fernsehgesellschaft ABC an, daß Finals nach mitteleuropäischer Zeit irgendwann zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens stattfinden –, und die Eurovision sich überlegt, ob Live-Sendungen überhaupt sinnvoll sind – Journalisten verschreckt man mit immensen Wucherpreisen für Hotelzimmer.

Bis zu siebzig Dollar verlangt man für ein Zimmer, das die Presseleute noch mit anderen Kollegen teilen sollen – ohne Frühstück oder eine andere Mahlzeit. Im Vergleich dazu nehmen sich die 15 Dollar, die man in München für Bett und Halbpension zu entrichten hatte, geradezu bescheiden aus. Daß man beim größten Public-Relations-Unternehmen, das sich heutzutage ein Staat leisten kann, ausgerechnet jene Leute verprellt, die da lobpreisen sollen, hat auch den früheren Reporter Lord Michael Killanin aufgeschreckt, heute Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Der sonst so umgängliche Ire sandte einen geharnischten Brief nach Montreal, in dem er von der "Unmöglichkeit solcher Handlungsweise" sprach und schnellmöglichst Änderung und Aufklärung verlangte. Dem Schreiben hinterhergeschickt wurde IOC-Vize Willi Daume als "trouble-shooter". Daume, der diese Kissinger-Rolle im IOC wohl recht gern spielt, kann denn auch eine gewisse Skepsis nicht verhehlen: "Das Stadion soll sechs Wochen vor der Eröffnung fertig werden – einen harten Winter darf es nicht geben und auch keinen Streik mehr!"