Von Peter Marchal

Die Arbeitsämter sehen sich in einer paradoxen Lage: Jahrelang warben sie mit viel Mühe und etlichen Millionen für ein neues Image: Sie wollten dem Bürger nicht mehr als Obrigkeit erscheinen, sondern als "Freund und Helfer". Doch die Geister, die sie riefen, werden sie jetzt nicht mehr los.

Heute ist es, wie Hamburgs Arbeitsamtsdirektor Theodor Marquard beobachtet hat, "eine erstaunliche Selbstverständlichkeit geworden, stempeln zu gehen. Das haben wir vor allem bei Jungakademikern festgestellt. Vielleicht liegt es an unserer Großzügigkeit."

Marquard berichtet über Fälle aus der Praxis: "Für viele Absolventen der Hochschulen ist die Arbeitslosenhilfe eine Art,Surrogat von BAföG‘, also des staatlichen Stipendiums, geworden. Da gibt es Leute, die nur auf ihre Facharztstelle warten und die Zeit bis dahin auf elegante Weise überbrücken wollen. Das sind in meinen Augen keine Arbeitslosen."

Fachleute nennen diese Erscheinung "Such-Arbeitslosigkeit": Die Zeit zwischen Examen und erstem Stellenantritt wird dazu ausgenutzt, in aller Ruhe das Angebot auf dem Arbeitsmarkt kritisch zu überprüfen. Für viele ist es offenbar nicht mehr unfein, "stempeln zu gehen".

Marquard präsentiert einige Zahlen aus seinem Arbeitsbereich, die seinen Verdacht erhärten: Von 108 arbeitslos gemeldeten Diplomkaufleuten, Betriebswirten und Volkswirten haben 63 eben erst das Examen gemacht und warten auf ihre erste Stelle. Noch deutlicher ist das Beispiel der Psychologen, Soziologen und Politologen: Hier sind 26 von 38 Arbeitslosen Berufsanfänger. Und für die Juristen liegt die entsprechende Relation gar bei 37 von 49 (Stand: 13. August 1974).

Ohnehin liegen die üblichen Einstellungstermine bei Angestellten zeitlich weiter auseinander als bei Arbeitern. Unmittelbar im Anschluß an das Hochschulexamen treten nur wenige Absolventen ihre erste Stelle an. Das Arbeitsförderungsgesetz von 1969 gibt jedem Absolventen die Chance, in der Wartezeit mindestens einige Hundertmarkscheine einzuheimsen.