Die Zypernkrise bekam am Montag einen neuen dramatischen Akzent durch den gewaltsamen Tod des amerikanischen Botschafters. Im Verlauf einer antiamerikanischen Demonstration in Nikosia wurde der 53jährige Rodger Davies, der seinen Posten erst im Juli, fünf Tage vor dem Sturz des Staatspräsidenten Makarios, angetreten hatte, in seiner Residenz von einer Kugel tödlich getroffen. Auch seine Sekretärin wurde erschossen.

Mehr als 12 000 Demonstranten hatten sich vor dem Botschaftsgebäude versammelt und unter Rufen wie "Kissinger ist ein Mörder" gegen die amerikanische Zypern-Politik protestiert. Gegen die zunehmend gewalttätigere Menge, aus der mit Maschinenpistolen geschossen wurde, wehrten sich die Bewacher des Hauses, US-Marineinfanteristen, nur mit Tränengas. Erst UN-Soldaten, Polizei und Nationalgarde konnten die Ausschreitungen beenden.

Der amerikanische Präsident Ford unterstrich, "erschüttert und in tiefer Betrübnis", die dringende Notwendigkeit, unverzüglich zu Verhandlungen über eine friedliche Beilegung der Krise zurückzukehren. Am vergangenen Freitag hatte der griechische Ministerpräsident Karamanlis hierauf schon die Antwort gegeben: "Es wäre naiv zu glauben, daß Griechenland bereit sei, unter dem Druck der geschaffenen Tatsachen an Verhandlungen teilzunehmen." Griechenland sehe keinen Spielraum, "mit einer Schußwaffe an unserem Kopf und mit allen zyprischen Karten in den Händen der Türken".

Der zyprische Staatspräsident Klerides fügte seinerseits hinzu: "Wir können es uns leisten zu warten, solange es nötig ist, um eine Lösung des Zypernproblems unter Bedingungen auszuhandeln, die nicht der Annahme eines türkischen Ultimatums gleichkommen."

Doch mit ihrem zweiten Vormarsch in der vergangenen Woche – von Mittwochmorgen bis Freitagabend – haben die Türken der griechisch-zyprischen Mehrheit wirtschaftlich wichtige Gebiete und Orte abgenommen. Der eroberte Nordteil der Insel von Famagusta im Osten bis Lefka und Kokkina im Nordwesten umfaßt ein gutes Drittel des Gesamtterritoriums mit den fruchtbarsten Landstrichen (Weizenfelder, Obstplantagen), dem wichtigsten Hafen, den Erz- und Asbestgruben und den Zentren des Fremdenverkehrs. Der türkische Bevölkerungsanteil beträgt nur 18 Prozent. 82 Prozent griechisch-zyprische Einwohner müßten sich demnach mit 65 Prozent – weniger ertragreicher – Landfläche begnügen, wenn es bei der De-facto-Teilung der Insel bliebe und zu Massenumsiedlungen der beiden Bevökerungsgruppen käme.

Schon hat der türkische Volksgruppenführer Denktasch gegenüber der Welt erklärt: "Wir Türken behalten unseren Teil." Dem steht die Äußerung Henry Kissingers vom Montag gegenüber, wonach die Türkei zu Verhandlungen über einen Rückzug aus ihren jetzigen Positionen bereit sei. Das habe der türkische Ministerpräsident Ecevit zugesichert.

Die Lebensverhältnisse auf der Insel haben sich rapide verschlechtert. "Alles liegt in Trümmern", kennzeichnete der Vorsitzende des zyprischen Arbeitgeberverbandes, Garanis, die Kriegshinterlassenschaft. Finanzminister Patsalides sprach von Verlusten von umgerechnet Hunderten Millionen Mark. Präsident Klerides ordnete die Sieben-Tage-Arbeitswoche an und appellierte an die Vereinten Nationen und an das Rote Kreuz, der Bevölkerung zu helfen.

Am schlimmsten ist das Flüchtlingsproblem. Allein in der britischen Militärbasis Dhekelia drängen sich 60 000 griechische Zyprer, vor allem aus Famagusta. Mindestens ein Drittel der griechischen Inselbevölkerung – 172 000 von 516 000 – ist nach britischen Meldungen vertrieben oder geflüchtet Die Kriegsereignisse haben ungefähr 4000 Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert.