Von Wolfram Siebeck

Oberflächlich betrachtet war es immer ein Humoristenthema: Wenn der Hausvater den Pinsel in die Hand nahm und sich in einem Handwerk versuchte, das ihm weder lag noch Spaß machte. Doch gelacht haben nur die Unbeteiligten; den Angehörigen vergeht der Humor schon beim zweiten Pinselstrich des rasenden Heimwerkers. Der erste jedoch ist wie die Champagnerflasche, die der Senator gegen den fabrikneuen Schiffsrumpf schmettert: Tusch, Musik und freudiger Stolz; Hoffnung auf Anerkennung und Erfolg, wenn der schäumende Schampus die Bordwand herunterrinnt. Unsere Küche – um im Vergleich zu bleiben – kenterte jedoch bereits nach fünfzig Metern Stapellauf.

Die Vorbereitungen waren verhältnismäßig einfach. Zwar klangen die Anweisungen des fachkundigen Verkäufers kompliziert und waren zu schnell und undeutlich gesprochen (Dialekt plus Fachjargon), doch vertraute ich der Gebrauchsanweisung auf den Farbpaketen. Danach hatte ich "den Inhalt in 2–3 Liter Wasser je nach Untergrund" einzurühren. Ende der Aufklärung.

Welche Art von Untergrund unsere Küchenwände darstellten, darüber gingen die Meinungen im Familienrat auseinander. War es ein 2-Liter-Untergrund, oder wären hier 3 Liter Wasser eher angebracht? Diese Frage schien mir von besonderer Wichtigkeit angesichts eines anderen, warnenden Satzes: "Die Farbe ist tropfgehemmt, darum nicht mehr Wasser hinzufügen als angegeben." Tue ich es doch, ist sie nicht mehr gehemmt, und wir ersaufen. Gebe ich ihr aber zu wenig Wasser, wird sie womöglich noch gehemmter, und kein Mensch weiß, was dann passiert.

Lediglich beim Rühren hatte sie keine Hemmungen. Sie spritzte fürchterlich. Sie spritzte auf den Boden, auf meine Hände, meine Hose, meine Haare, mein Hemd, mein Gesicht; wohin ich den enthemmt tropfenden Eimer auch trug, in einem Umkreis von 1,50 m waren alle toten und lebenden Gegenstände weißgesprenkelt. Außer kochender Tomatensauce kenne ich nichts, was so hemmungslos spritzt. Ähnlich spritzten nur die wildgewordenen Gartenschläuche in den Stummfilm-Grotesken, wenn irgendein Trottel darauf trat.

Ich trat in den Eimer erst nach dem bereits erwähnten Pinselstrich, als ich, um dessen Wirkung besser zu erkennen, einen Schritt auf der mir als Plattform dienenden Gartenbank zurück machte und, anstatt des hinter mir stehenden Kübels zu gedenken, beifallheischend nach meinen vollzählig versammelten Angehörigen blickte. Voller Stolz angesichts der champagnergleich die Wand herunterrinnenden weißen Farbe und berauscht von Hoffnung auf Anerkennung und Erfolg, mißdeutete ich den Ausdruck ungläubigen Staunens in deren Augen, bis ich gleichzeitig mit ihrem triumphierenden Freudenschrei die Feuchtigkeit der Farbe durch den leichten Stoffschuh dringen fühlte.

Der Humor verging ihnen deshalb, weil ich den Eimer mit zornigem Fußtritt in ihre Richtung schleuderte. Auch diesmal erinnerte die Szene an einen Stummfilm. An einen Stummfilm in Farbe: in Weiß.