ZDF, Sonntag, 18. August: "Der Berliner Sportpalast", von Rudolf Lorenzen

Der erste, der die Imagination dieser legendären Sport-, Show- und Versammlungshalle andeutete, "die sich Palast nannte und für viele nur ein Schuppen war", war Hitlers Architekt und Rüstungsminister Albert Speer, als er sagte: "Man konnte sich der Faszination einfach nicht entziehen." Er meinte damit weniger den Demagogen Goebbels und seine Suggestivfragen nach der Bereitschaft zum totalen Krieg als den Raum selber, in dem sie gestellt wurden, den Berliner Sportpalast. Denn der habe "etwas ganz eigenes gehabt", nämlich: "Er war groß, aber intim", "man wurde von der Menge vereinnahmt". Das nämliche drückten am Schluß der anderthalbstündigen Sendung ein paar prominente Berliner aus: "Diese Stimmung wird es niemals wieder geben", "Schöner geht’s eigentlich nicht", "Berlin und der Berliner Sportpalast, das gehört zusammen".

Dieses Gebäude, das 1910 gebaut worden war, eine seltsame, neoklassizistisch angehauchte Fassade in pompejanischem Rot mit weiß abgesetzten Halbsäulen hatte, im Krieg ausgebrannt, als Freiluftarena genutzt, wieder aufgebaut und schließlich im vorigen Jahr abgerissen wurde – diesem Haus geht ein ans Legendäre rührender Ruf nach. Hier wurde das Sechstagerennen populär, das Boxen, hier beginnen die Spuren zu Eiskunstlauf und Eisrevue; hier sangen die Don-Kosaken, dirigierte Karajan, ereigneten sich Bockbierfeste und piekfeine Bälle, hier entluden sich unter den Rhythmen Bill Haleys Aggressionen am Gestühl, sah man Dauertanzkämpfe und Gesellschaftstanzturniere, Bodenturnen, Modenschauen, hörte man Hugenberg und Hitler und Goebbels und Göring, und dann kam der Moment, da die Rentabilität der Legende nicht mehr zu folgen vermochte. Wo der Sportpalast stand, sollen nun, wie es heißt, siebenhundert Wohnungen gebaut werden.

Das ist fürwahr ein großartiges Thema, so prickelnd wie die Atmosphäre, die dem Sujet offenbar innegewohnt hat, und so grauenhaft wie die Geschichte, in der das Gebäude fungierte. Jedoch erfuhr man in dieser Sendung beinahe nichts von der Eigentümlichkeit dieser Berliner Lokalität, nichts über die Gründe seiner Beliebtheit, die seltsame Intensität ihrer Faszination. Der Schriftsteller Rudolf Lorenzen gab gar keinen "Bericht über die wechselvolle Geschichte des berühmten Berliner Sportpalastes", er verstand die Institution bloß als Ansporn für einen vor Ehrgeiz stotternden, weitläufigen, verwirrenden Exkurs in die jüngere deutsche Vergangenheit schlechthin. Eigentlich kam er an den Ausgangspunkt seiner weitläufigen Abschweifungen nur noch zu Stippvisiten zurück – und oft wußte man dann nicht einmal ganz genau, ob es der Sportpalast war, in dem geboxt, geturnt, eisgelaufen, kunstfrisiert, geredet wurde.

Viel zu oft tummelte sich der Autor woanders in Berlin oder in Europa, auf der Avus und am Wannsee, im Olympiastadion und vor Verdun, im KZ Theresienstadt (wo Siegfried Translateur, der Komponist des Sportpalast-Walzers, umgebracht wurde), vor dem Stadtschloß, vorm Schöneberger Rathaus, bei Kennedy, beim Schah und Königin Elizabeth, überall und nirgendwo, ein synoptisches Puzzle, bei dem viel zu viele Teile fehlten.

Die Nazis zeigte Lorenzen als Sportpalast-Beherrscher, das ist wahr, und er tat das mit einer geradezu wollüstigen Ausführlichkeit. Wohingegen er alle anderen Palastereignisse nur streifte: zusammenhanglose Schnipsel, aus dem Geschichtsbuch des Hauses gerissen. Sie ließen im Dunkeln, worauf es bei einem solchen Thema eigentlich angekommen wäre, sagen wir: den "Geist des Hauses", die Ursachen seiner Eigentümlichkeit, die Atmosphäre, die ihm innewohnte oder die es nur reflektierte, wer weiß, und warum es "diese Stimmung... niemals wiedergeben" wird. Nur ein Saal – oder doch nicht nur?

Wenn wenigstens die Figuren der Zeit- und Sport- und Showgeschichte, denen der Sportpalast die Bühne war, gegenwärtig gemacht worden wären! Sonja Henie, Ernst Baier, Otto Ziege, Gerhardt Hecht, Kalle Gaffkus – sie waren keine Zeugen, sondern Zitate. Nicht einmal der Schöpfer jener Pfiffe, die den Refrain des Sportpalast-Walzers seither zieren, nahm Gestalt an, man sah ihn kaum: Wer war eigentlich Krücke? Und was der Heuboden, auf dem er gesessen hatte, Block K? Manfred Sack