Eduard Spranger, der Vorfahr aller heutigen Kulturpädagogen und Bildungspolitiker, hat es vorausgesagt: "Wer an das Abiturexamen rührt", prophezeite er bereits 1930, "muß sich klar sein, daß damit der gesamte Organismus des deutschen höheren Schulwesens in Bewegung geriete."

Heute muß an das Abitur gerührt werden, denn es hat seine Funktion verloren. Seit eh und je bedeutete das Abschlußzeugnis der Oberschule die Einlaßkarte in die Hochschule. Mit dem einsetzenden Numerus clausus jedoch begann die Reifeprüfung ihren ursprünglichen Sinn einzubüßen, und mit dem bevorstehenden totalen Numerus clausus wird ihr eigentlicher Zweck völlig abgeschafft. Statt zu jedem möglichen Studium zu berechtigen, reicht die staatlich bescheinigte Reife jetzt gerade noch zur Teilnahme an einer äußerst fragwürdigen Auswahllotterie.

Nicht, daß wir – verglichen mit anderen Ländern – zu viele Oberschüler hätten. In Frankreich, Italien, England, Schweden, Amerika gab und gibt es prozentual eine höhere Abiturientenquote als bei uns, und in diesen Ländern studierten schon 1968 mehr junge Menschen eines Jahrgangs, als hierzulande gegenwärtig die Reifeprüfung machen. Während Nachbarstaaten seit Jahren zwanzig Prozent und mehr Abiturienten "produzieren", sind wir im Bundesdurchschnitt bei etwa siebzehnProzent angelangt. Diese vergleichsweise bescheidene Zahl jedoch reicht, um die Hochschulen völlig zu verstopfen. Was also soll mit Abitur und Hochschulzugang geschehen?

Pläne gibt es genug: • Hildegard Hamm-Brücher schlägt vor, jedem Jugendlichen nach dem erfolgreichen Abschluß von zwölf Schuljahren ein ein- bis zweijähriges Grundstudium zu ermöglichen; erst dann soll eine Prüfung über den weiteren Studien- oder Berufsweg entscheiden.

  • Das Hochschulrahmengesetz (in der Kabinettsfassung vom August 1973) will ein "besonderes Eingangsverfahren mit einer "schriftlichen Vorauswahl" und einem mündlichen "Auswahlverfahren" vor einer speziellen "Zulassungskommission"; auch ein Schulgutachten soll berücksichtigt werden.
  • Der Philologenverband plädiert für ein in drei Qualifikationen gegliedertes Abitur: volle Hochschulreife, Fachhochschulreife und berufsbezogene Reife.
  • Gerd Roellecke, der scheidende Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, möchte "ein besonderes Prüfungsjahr oder Halbjahr einführen" und die Studenten in einer "Hochschulzugangsprüfung" auswählen.
  • Hans Maier schließlich, der bayerische Kultusminister, streitet für das Abitur als "Basis des Hochschulzugangs", aber mit einem "einheitlichen Vollzug in allen Ländern" – eines Tages vielleicht eine Art Zentralabitur.

Das sind die wesentlichsten Alternativen zur heutigen Form der Reifeprüfung. Keine davon hat Chancen, verwirklicht zu werden, denn für keine gibt es gegenwärtig eine Mehrheit. Zu läsen ist das Problem des Hochschulzugangs nur, wenn Oberschule und Hochschule auseinandergekoppelt werden, wenn also der Übergang aus der Schule in die Universität durch ein neues, besonderes Zulassungsverfahren geregelt wird. Das muß wohl kommen, auch wenn einem graust vor den langwierigen Streitereien um Prüfungshhalte und -methoden und dem ungeheuren Apparat, der notwendig wird.

"Es wird sich zeigen", so warnte Spranger, "daß der Schulverwaltung durch die Abschaffung des Abiturs Aufgaben von einer Größe erwachsen werden, die einem völligen Neubau gleichkämen."