Von Joachim Wagner

Tendenzwende bei der Wahl einer weiterführenden Schule?" – so vorsichtig überschrieben Baden-Württembergs Bildungsstatistiker die Interpretation ihrer jüngsten Schulstatistik. Vielleicht war ihnen nicht ganz geheuer auszusprechen, was diese Zahlen wirklich bedeuten: Sie enthalten die ersten handfesten Beweise für die Rückentwicklung sozialer Bildungschancen in der Bundesrepublik. Zum erstenmal seit einem Jahrzehnt ging in Baden-Württemberg die Quote der Schüler zurück, die von der Grundschule auf Realschulen und Gymnasien überwechselten, bei den Realschulen um 3,5 Prozent und bei den Gymnasien um 1,3 Prozent.

Dafür mag es viele Ursachen geben, den Numerus clausus etwa und die ersten, arbeitslosen Akademiker. Fest steht indes, daß die Hauptursache für den Rückgang der Übergangsquote anderswo liegt: in der strengeren Benotung der Schüler. Während sich im Vorjahr in Baden-Württemberg noch 41 Prozent aller Schüler mit guten Leistungen für die Realschule oder das Gymnasium qualifizierten, waren es im letzten Jahr nur noch 35 Prozent. Und unter dieser schärferen Beurteilung litten in erster Linie Arbeiterkinder. Ging der Anteil der in der Grundschule gut bewerteten Akademikerkinder nur um 7 Prozent zurück, der der Kinder von Beamten (ohne Akademiker) und Angestellten um 10 Prozent, so sank der Anteil der Arbeiterkinder um über die Hälfte, um 24 Prozent.

Wenn Lehrer schärfer benoten und häufiger Zeugnisse mit schlechten Zensuren schreiben, dann treffen sie damit vor allem Kinder aus unteren und mittleren Sozialschichten. Diese nämlich sind steigendem Leistungsdruck hilfloser ausgeliefert als Kinder aus sogenannten besseren Kreisen, die höhere Anforderungen leichter erfüllen können – etwa durch teuren Nachhilfeunterricht oder auch durch die Hilfe der Eltern bei den Hausaufgaben.

Hinzu kommt, daß sich die Einstellung der Eltern zur Schule in den verschiedenen Sozialschichten wesentlich unterscheidet: Autoritätsgläubigkeit bei den einen, Gleichgültigkeit und Besserwisserei bei den anderen. Der Müllwerker, dessen Sohn am Ende der vierten Grundschulklasse wegen seines schwachen Zeugnisses von der Lehrerin die Empfehlung erhält, auf die Hauptschule, höchstens aber auf die Realschule zu gehen, hält sich in aller Regel an diesen Rat; der Oberstudienrat, dir in der gleichen Situation den gleichen Vorschlag hört, wird in aller Regel mit Hohn auf das Urteil der Grundschul-Kollegin reagieren und seinen Sohn dennoch im Gymnasium anmelden.

Warum Lehrer plötzlich, schlechtere Zensuren geben, ist nicht eindeutig auszumachen. Entweder aus eigener Initiative oder aber auf Grund staatlicher Direktiven haben sie begonnen, an der Front durchzuführen, was die Bildungsplaner und -politiker im letzten Jahrzehnt versäumten, die "quantitative Bildungssteuerung". Konnte der Ausbau des Bildungssystems in den sechziger Jahren mit dem steigenden Bildungsbedarf noch Schritt halten, so verlor er zu Beginn der siebziger Jahre den Anschluß: Der Bildungsbedarf stieg schneller als das Bildungsangebot.

Die Folgen sind allzu bekannt: überfüllte gymnasiale Oberstufen und in diesem Wintersemester 43 000 Studenten ohne einen Studienplatz im Fach ihrer Wahl. Es sind die ersten Schatten, die das Ende der Bildungsexpansion vorauswirft. Schatten, die fallen, weil man Kinder und Jugendliche auf höhere, Bildungswege schleuste, ohne gleichzeitig daran zu denken, wie der Bildungsstrom unter Kontrolle zu halten ist, wenn er über seine Ufer zu treten droht.